Man erkennt die Stimme nicht gleich. So klingt Bill Kaulitz also digital hochgepitcht. Der 35-jährige Musiker und Entertainment-Star spricht in der deutschen Synchronfassung des neuen Minions-Kinofilms das giftgrüne Knuddelmonster Goomi, eine vermeintlich niedliche Kreatur mit wabbeliger Oberlippe und Erbsenkopf. Und wie fast alles gelingt dem extrovertierten Frontmann der Band Tokio Hotel die Rolle des animierten kleinen Fieslings auffallend gut.
Zwillingsbruder Tom leiht seine Stimme in «Minions und Monster» dem Roboter Dort. Der freundliche, aber etwas spiessige Blechmann, der sich im Film in eine Suffragette der 1920er Jahre verliebt, ist auf den ersten Blick die etwas blassere Figur. Aber auch der Eindruck passt ins Bild: Seit 2019 ist der Gitarrist mit Heidi Klum verheiratet und führt ein vergleichsweise zurückhaltendes, weniger schillerndes Leben als Bill in Los Angeles.
Nächster Karriereschritt: «Wetten, dass ...?»
Zusammen erobert das Kaulitz-Duo jetzt Hollywood, wenn auch auf Umwegen über die Minions-Franchise. Für Bill ist es längst nicht die erste Filmerfahrung, er hatte zuvor bereits einen Part in dem Indie-Horror-Slasher «Brute 1886» des deutschen Regisseurs Marcel Walz sowie mehrere kleine Gastauftritte wie etwa in der ZDF-Sitcom «Späti» oder dem ARD-Live-Krimi-Dinner «Tödliches Spiel». Seine Synchronstimme konnte der Sänger 2006 als Titelheld in der deutschen Version des Animationsfilms «Arthur und die Minimoys» erstmals testen.
Mittlerweile rückt jedoch auch Tom Kaulitz immer mehr ins Rampenlicht jenseits der Musikproduktionen, an denen er neben den gemeinsamen Projekten der Brüder hauptsächlich arbeitet. Im Januar wurde bekannt, dass die beiden Ende 2026 als Nachfolger von Thomas Gottschalk die Moderation der ZDF-Kultshow «Wetten, dass …?» übernehmen werden. Eine kleine Sensation im eingestaubten deutschen TV-Betrieb.
Der Erfolgswelle, auf der die gebürtigen Magdeburger derzeit surfen, geht eine längere Vorgeschichte voraus: Vor 20 Jahren wurden Bill und Tom Kaulitz gemeinsam mit Bassist Georg Listing und Schlagzeuger Gustav Schäfer als deutsche Boygroup-Band Tokio Hotel und dem damaligen Mega-Hit «Durch den Monsun» über Nacht berühmt. Doch der frühe Durchbruch entwickelte sich für die deutschen Teenie-Stars zunehmend zum medialen Spiessrutenlauf. Als der Druck durch die massiven Angriffe der aggressiven Boulevardpresse unerträglich wurde, zogen die Zwillinge zu ihrem eigenen Schutz nach Amerika.
Legen erfolgreich Fährten für Clickbait-Schlagzeilen und Fake News
2021 wagte das unzertrennliche Duo mit dem Podcast «Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood» schliesslich einen ersten Schritt zurück in die deutsche Unterhaltungsindustrie – mit überraschend positiver Resonanz. Ihr Trick: Im unbeschwerten Austausch über private und bisweilen delikate Details aus ihrem dekadenten Promi-Alltag legen sie die Fährten für Clickbait-Schlagzeilen und Fake News seither ganz bewusst selbst. Auch die Netflix-Reality-Doku «Kaulitz & Kaulitz», mit der sie in diesem Sommer bereits in die dritte Staffel gehen, schliesst sich nahtlos an dieses bewährte Prinzip an. Es sind ihre Natürlichkeit und eine vermeintlich totale Offenheit, die die Brüder bei ihren Fans so beliebt machen.
Mit ihrer Lust am Leben und an der Selbstironie versprühen die Brüder einen entwaffnenden Charme, der sich – beinahe – jeder Kritik erwehrt. Nun allerdings bleibt diese in Bezug auf das neue Minions-Abenteuer nicht ganz aus. Dafür können die Brüder nichts; sie sprechen ihre Parts wie gewohnt mit Verve und Spass an der Sache. Allerdings fehlt in dieser jüngsten Episode um die originalen gelben Kauze aus dem mittlerweile modernen Animationsklassiker «Ich – Einfach unverbesserlich» (2010) streckenweise die Spannung.
Seit mehr als 15 Jahren begeistern die Minions mit ihrem eigenwilligen Kauderwelsch und den schwachsinnigen Scherzen nicht nur ein eingeschworenes Kinderpublikum. Dementsprechend gross sind die Bemühungen der Macher, die Handlung auch für ältere Zuschauer möglichst attraktiv zu gestalten. Diesmal verschlägt es die frechen Männchen auf der Suche nach einem möglichst bösen Boss in das Hollywood der ausklingenden Stummfilmzeit.
Anstatt wie bisher Kevin, Stuart und Bob verfolgt der Film diesmal das Schicksal der angeblich legendären Minions James und Henry auf ihrem Siegeszug nach Tinseltown. Das Chaos ist vorprogrammiert, als sie kaum vor Ort angekommen von dem renommierten Regisseur Max (sowohl im englischen Original als auch in der Synchronfassung gesprochen von Christoph Waltz) dazu ermutigt werden, einen Horrorfilm zu drehen.
Unverzüglich machen sich die beiden Tollpatsche auf die Suche nach einem passenden Monster. Ein magisches Buch, ein Zauberspruch - und schon bringen sie die ganze Welt in Gefahr mit ihrem ambitionierten Vorhaben. Dabei treten zwar auch Goomi und Dort prominent in Erscheinung, aber ihre Starpower können die Kaulitz-Brüder hinter ihren animierten Figuren nur bedingt ausspielen. Ganz allein im Mittelpunkt stehen sie erst wieder, wenn am 23. Juli die dritte Staffel von «Kaulitz & Kaulitz» auf Netflix anläuft.
Ab 1. Juli im Kino.

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