
Knapp und schnörkellos, von leiser Beiläufigkeit und ein wenig rauh wie ihre Stimme – so waren die Sätze Monika Helfers. Ob sie auf Fragen neugieriger Journalisten antwortete, mit ihrem Schriftstellergatten Michael Köhlmeier Alltagsdinge besprach oder sehr handwerklich an Texten feilte. Ob sie am Laptop sass und eine ihrer zahllosen Kolumnen, ihrer Wochengeschichten für die «Vorarlberger Nachrichten» schrieb oder literarisch mit den Verstorbenen ihrer Familie Umgang pflegte – jener «Bagage» aus dem Bregenzerwald, in die sie 1947 hineingeboren ist und der sie ihren späten Erfolg als Bestsellerautorin verdankt.
Knapp und leise, jäh und plötzlich ist die Schriftstellerin nun auch aus der Welt gefallen: im Garten gestürzt, von heute auf morgen an den Folgen der Verletzung gestorben.
Tiefe Krise wegen Unfalltod der Tochter 2003
In den Jahren ihrer schlimmsten Lebenskrise – nach dem Tod ihrer Tochter Paula, die 2003 bei einer Wanderung zur nahen Burgruine Alt-Ems verunglückte – war dieser verwunschene, üppig wuchernde Garten hinter dem Haus ihre Rettung gewesen, hatte sie die Arbeit darin vor dem eigenen Absturz bewahrt. Schreiben konnte Monika Helfer in dieser Zeit nicht.
Sie erzählte mir davon bei einem ersten Besuch in Hohenems im Corona-Sommer 2020, wenige Monate nach Erscheinen ihres Romans «Die Bagage», der sie so plötzlich weit über Vorarlberg und Österreich hinaus bekannt gemacht hatte. Lange war nur «der Michael» ein Star des Literaturbetriebs gewesen. Monika Helfer schrieb zwar ebenso kontinuierlich und fleissig, aber «aus dem Nebenzimmer», wie sie selber es nannte. Nun aber standen die beiden gemeinsam im Licht der Öffentlichkeit: ein Intellektuellenpaar in der Provinz, die Vorarlberger Antwort auf Siri Hustvedt und Paul Auster.
Im «Nebenzimmer» fühlte sie sich wohl
Und Helfers Texte – Romane, Kinderbücher, Theaterstücke, die sie schon seit den 1970er-Jahren veröffentlichte – erhielten endlich die verdiente Aufmerksamkeit, wurden mit renommierten Auszeichnungen gewürdigt, unter anderem dem Solothurner Literaturpreis.
Dabei fühlte sich Monika Helfer im «Nebenzimmer» durchaus wohl, es zog sie auch nicht aus der Provinz heraus. Eine Zweitwohnung in Wien genügte, meist aber blieb sie in Hohenems. Was der Literatur nicht schadete. «Man muss hier draussen gegen das Hinterwäldlerische und Spiessige anschreiben», sagte sie in einem Interview. «Das Schreiben ist umso mehr ein Bedürfnis.» Mit ihren Romanen über nahestehende Menschen, den bücherverliebten Vater, den Bruder, der ins Unglück stürzte und sich das Leben nahm, die Grosseltern und ihre dörfliche Existenz als Aussenseiter in zwei Weltkriegen, wartete Helfer geduldig – um niemanden zu verletzen. «Die Menschen sind so empfindlich», diese Erfahrung hatte sie oft gemacht.
Zuhören und selbstgemachte Limonade
Ihr Radius war nicht nur während der Pandemie klein: vom kleinen, märchenhaft vollgestopften und zugewachsenen Schriftstellerhaus in die Nachbarschaft, zum nahe gelegenen Kleinstadtbahnhof, an dem sie Besucher gern abholte – manchmal auch stellvertretend für «den Michael». Dann kochte sie Kaffee oder brachte zur Erfrischung einen Krug köstlicher selbstgemachter Limonade und überbrückte die Zeit mit einer Gabe, ohne die ihre Literatur nicht denkbar wäre: Zuhören.
Auf zurückhaltende Art war sie neugierig, hellhörig für die Geschichten anderer. Ausserhalb ihres Refugiums voller Bücher, Zeichnungen, Fotos und erinnerungssattem Krimskrams belauschte Monika Helfer gern Gespräche, sammelte Satzfetzen mit literarischem Potenzial: im Bus oder Tram beispielsweise. Hier fand sie Stoff für Kurzprosa und Kolumnen.
In ihrem zuletzt erschienenen Buch «Wie die Welt weiterging» (2024) sind 365 davon gesammelt – anders als die vorausgehenden Romane «Die Bagage», «Vati» (2021), «Löwenherz» (2022) und «Die Jungfrau» (2023) ist es geradezu voluminös. Aber einmal mehr hört man darin die Meisterin der literarischen Verknappung sprechen, mit ihrer zugleich zarten und kratzigen, kindlich unerschrockenen Stimme.
Das abrupte Ende einer ehelichen Symbiose
Wie in ihren Texten konnte sie auch im Gespräch Luft zwischen den Sätzen lassen, Schlupflöcher für die Wahrheit, die mit Worten oft schwer zu fassen ist. So redeten wir nicht nur über die Selbstverständlichkeit des Schreibens, ihre ungebrochene Lust, täglich den Laptop aufzuklappen und ohne Umschweife anzufangen – «schliesslich kann man, was nicht gut ist, ja auch leicht wieder löschen» – sondern auch über das Schwere. Über Depressionen und die Herausforderungen des Heranwachsens, über mütterliche Ohnmacht und über Trauer, die sich nicht wegtrösten lässt.
Untröstlich wird nun auch Michael Köhlmeier sein, mit dem Monika Helfer 45 Jahre verheiratet war. Er hat nicht nur die Liebe seines Lebens verloren. Er bleibt allein zurück in der «Manufaktur» des Schreibens, die das Paar so innig und symbiotisch zusammenschweisste.
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