Eurovision Song Contest Asia

Sie dachten, der ESC sei verrückt? Dann versetzt Sie das asiatische Pendant bestimmt ins Fremdschäm-Koma

Am 14. November findet in Bangkok erstmals der Eurovision Song Contest Asia statt. Die Autorin hat sich die Beiträge angeschaut und wagt eine Prognose.

Als langjährige «ESC-Connaisseuse» weiss die Autorin, worauf sie sich einlässt: reichlich Kitsch, grosse Gesten, viel Drama und gelegentliche Fremdschäm-Momente. Weshalb also tut sie sich nun auch noch den Eurovision Song Contest Asia an? Manche lernen es offenbar nie.

Zugegebenermassen kennt sie sich mit der Popkultur Asiens kaum aus. Bollywood und K-Pop – viel weiter reicht ihr Horizont nicht. Dass die beiden nicht repräsentativ für einen ganzen Kontinent sind, versteht sich von selbst. Trotzdem hat sie gerade wegen dieser beiden eine ziemlich konkrete Erwartung an den ESC Asia: noch mehr Pathos, noch mehr Bling-Bling und noch grössere Inszenierungen.

Wenn selbst der «ESC-Connaisseuse» das Make-up zu viel wird

Nach dem ersten Durchhören steht fest: So falsch lag sie nicht. Alles wirkt noch kitschiger, epischer und pathetischer als beim europäischen Pendant. Beim Styling wird teilweise derart dick aufgetragen, dass man beinahe vergisst, dass unter all dem Make-up echte Menschen stecken.

Südkorea liefert ein Paradebeispiel: zackige Dance-Moves, Smokey Eyes und ein Sänger wie eine zum Leben erwachte Animefigur. Ein einziger Fiebertraum!

Thailand legt beim Styling nochmals eine Schippe obendrauf. Da ist alles so überinszeniert, dass ausgerechnet die nicht gemachten Nägel auffallen. Wenn schon over-the-top, dann bitte konsequent!

Dass Übertriebenhautuch nach hinten losgehen kann, beweist Laos. Die Interpretin liefert musikalisch eine Mischung aus «La Bamba» und «Coco Jamboo». Süss, eingängig und zum Mitwippen. Doch der Lolita-Look, die aufgesetzte Koketterie und das «Kann ich dich Babe nennen?»-Geplänkel haben einen bitteren Beigeschmack.

Dass es auch anders geht, zeigen die Philippinen. Beat, Bridge, Dance-Moves und Popstar-Attitüde harmonisieren. Ein richtiger Banger.

Viel Pathos, wenig Überraschungen

So unterschiedlich die Inszenierungen auch ausfallen, musikalisch wäre etwas mehr Abwechslung wünschenswert gewesen. Während beim europäischen ESC von Folklore über Rock bis Heavy Metal fast alles vertreten ist, dominieren hier Pop und Balladen. Manche Songs plätschern derart seicht vor sich hin, dass man schon während des Hörens vergisst, dass überhaupt ein Lied läuft. Immerhin bringt Nepal mit Rock Abwechslung – auch wenn das Bühnenbild aussieht, als hätte jemand kurz vorher Plastikröhren und Plastiksäcke im Baumarkt zusammengesucht.

Sprachlich ist die Mischung immerhin vielfältiger: Einige singen in ihrer Landessprache, andere auf Englisch oder mischen beides. Musikalisch setzt man dagegen lieber auf bewährte Formeln. Liegt das an der überschaubaren Zahl der Teilnehmenden oder will bei der Premiere einfach niemand zu viel riskieren?

Und dann passiert etwas Unerwartetes: Ausgerechnet einer der unspektakulärsten Beiträge bleibt der Autorin im Kopf. Bhutan liefert eine ruhige Nummer. Der Sänger trägt traditionelle Tracht und zeigt eine schiefe Zahnreihe. Kein glattgebügelter Popstar, sondern einer, der mit seiner etwas unbeholfenen Art sofort sympathisch wirkt. Eigentlich überhaupt nicht die Musik der Autorin. Trotzdem bleibt die Melodie hängen. Sie versteht kein Wort – aber sie fühlt es trotzdem.

Bangkok, mach dich bereit!

Zwischen den bisherigen Auftritten und der Finalshow können Welten liegen. Der persönliche Favorit der Autorin aber kommt von den Philippinen. Den Sieg traut sie jedoch Vietnam zu. Der Beitrag spielt mit allerlei vertrauten Bildern ost- und südostasiatischer Popkultur-Ästhetik – ein Gesamtpaket, das beim Publikum funktionieren könnte. Aber das ist natürlich nur das Bauchgefühl einer «ESC-Connaisseuse», die meistens richtig lag.

Und die Show selbst? Die Autorin erwartet Grosses. Sehr Grosses. Wer sich beim ESC in Basel schon bei den Lobeshymnen aufs Gastgeberland und dem ganzen Pathos fremdgeschämt hat, dürfte bei der Show aus Bangkok den Kopf unters Kissen stecken. Denn wenn Thailand seine Gastgeberrolle ausgiebig zelebriert, könnte das Ganze endgültig zum Overkill werden.

Ob es so kommt, wird sich zeigen. Der Name ist geblieben, der Kontinent wurde ausgetauscht. Und der Wahnsinn ist erfolgreich mitgereist. Die Autorin spürt eine Mischung aus Angst und Vorfreude.

Alle Beiträge gibt es hier in der Playlist zum Nachhören und für das eigene Urteil.

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