Wie kann man das bloss verstehen? Auf Versteigerungen bezahlen Fans für einen künstlichen Fingernagel von Lady Gaga 12 000 US-Dollar. Für eine einzelne, getragene Glitzer-Socke von Michael Jackson 21 000 Dollar.
Und das verschwitzte WM-Trikot der «Hand Gottes», in dem Maradona an der WM 1986 ein Tor schoss: Es ist einem Aficionado satte 9,3 Millionen Dollar wert. Diesbezüglich sind es Schnäppchen, wenn Mitte August auf einer Auktion in Beverly Hills 117 Paar Sneaker von Eminem versteigert werden. Signiert mit Eminems «Shady»-Krakel, in den Original-Schachteln und pro Paar maximal 35 000 US-Dollar schwer.
Die Veranstaltung wird live durchgeführt. Das Auktionshaus bezeichnet das Spektakel als «die grösste Einzelkollektion von Eminem-Material, die je bei einer öffentlichen Auktion angeboten wurde.» Angebote werden bereits entgegengenommen.
Bildung ist out, Boulevard ist in
Phänomene dieser Art häufen sich. Gesammelt wird weltweit neu und weltweit anders. Experten behaupten sogar: Der Sammlermarkt steht Kopf und vor einer kultursoziologischen Wende. Auf eine kurze Pointe gebracht: Monet ist out, Maradona ist in.
Während unsere Grosseltern als sichere Werte Stiche horteten, die Boomer sich wandgrosse Fotografien von Jeff Wall leisteten, hat sich die jüngste Sammlergeneration und Generation Tik-Tok neu orientiert: Ihre emotionale Bindung an Stars ist ungleich stärker als zu Picasso und Konsorten. Identifikation ist das Hauptmotiv, Dinge zu sammeln und zu ersteigern, Gründe wie Bildung oder Status haben offenbar ausgedient.
Auch das Verständnis von Kultur hat sich um 180 Grad gedreht. Verstand man früher darunter einen Ölschinken, ein möglichst dickes Buch in Leder gebunden, ist Kultur heute das, was jeder tut und kann: Games, Serien, Popmusik, Animes und Sport. Jüngere Sammler orientieren sich an Objekten, die mit ihrer eigenen Identität oder Idolen ihrer Kindheit verknüpft sind.
Auktionsmarkt wächst um 1000 Prozent
Den Trend beobachten Auktionshäuser. Es ist eine Entwicklung, die seit fünf, sechs Jahren so richtig Himmelwärts abgeht. Auf Erinnerungs-Sammlerstücke (Memorabilien) spezialisierte Auktionatoren vor allen in den in den USA sprechen von einem Wachstum bis zu 1000 Prozent. Bei Fans von Memorabilien herrscht Goldgräberstimmung.
Während der Zugang zum klassischen Kunstmarkt oft teuer, kompliziert und exklusiv scheint, braucht ein Sammler von Fan-Artikeln bloss zwei Dinge: Möglichst viel Geld und den unerschütterlichen Glauben an die Sinnhaftigkeit seines Tuns.
Geschichten wie die sagenhafte Entdeckung eines Trikots des Superstars unter den amerikanischen Basketballspielern, LeBron James, geben der Jagd und der Preisentwicklung Auftrieb.
Auf E-Bay wurde das äusserlich wenig attraktive Trikot für 800 US-Dollar verkauft. Sport-Experten glichen das Teil mit Fotos von jenem ab, das James bei einem All Star-Game trug und kamen zum Schluss, dass es mindestens 140 000 Dollar wert sei. Für 250 000 Dollar ging es schliesslich über den Ladentisch: Fehler an den Nähten und Gebrauchsspuren überführten es als echt.
Jeder Zahn des Hausheiligen zählt
Wer Trikots von Maradona, Sportschuhe von Michael Jordan, die Gitarren von Kurt Cobain oder einen der durchgewalkten Kaugummis von Britney Spears sammelt, – die sie offenbar in Hotellobbys so gerne verteilt -, sorgt dafür, dass er einen exklusiven Teil seines Hausheiligen ganz allein für sich hat
Die Idee ist alt und griff bereits bei christlichen Reliquien-Sammlern. Sie glaubten, in einer einzelnen Haarsträhne, in einem Fussknochen eines Göttlichen stecke die Aura und die Zauberkraft der gesamten Person.
Das heisst indessen nicht, dass Monets und Manets nicht mehr gesammelt werden. Sie werden gekauft, ersteigert, gebunkert, doch nicht mehr wie früher von einem guten Teil der Mittel- und Oberschicht. Die Preise für gute Kunst sind derart hoch, dass sie sich ausschliesslich die Finanzeliten leistet.
Schlimm für uns Anderen ist das nicht. Es ist so lange in Ordnung, wie uns Soziale Kanälen glaubhaft erzählen, an welchen alternativen Helden und Heiligen wir unser Leben ausrichten sollen.
- Rubinpantoffeln von Judy Garland aus «The Wizard of Oz»: Mit 32, 5 Millionen US-Dollar sind das die teuersten je versteigerten Schuhe
- Trikot des Baseball-Spielers Babe Ruths aus der World Serie 1932: 24,12 Millionen US-Dollar
- Rolex Daytona von Paul Newman: 17,8 Millionen US-Dollar
- Fender-Gitarre von «Pink Floyd»- David Gilmour: 14,55 Millionen US-Dollar
- Das legendäre «Happy Birthday»-Kleid, das Marilyn Monroe am Geburtstag von J.F. Kennedy trug. Es gewann an Wert, als es Kim Kardashisn 2022 bei der Met Gala trug: 4,81 Millionen US-Dollar
- Alter Holzstuhl, auf dem J.K. Rowling die ersten Harry Potter-Bände schrieb: 400 000 US-Dollar
- Haarsträhne von Elvis Presley, aufbewahrt von dessen Friseur: 115 000 US-Dollar
- Requisiten aus dem Film «Edward Scissorhands». Die «Scherenhände» von Johnny Depp: 120 000 US-Dollar.
- Plastikbeutel mit angeblicher Luft eines Konzerts von Kanye West: Geboten wurden 60 000 US-Dollar
- Backenzahn von John Lennon, ersteigert von einem Zahnarzt und Lennon-Fan: 31 000 US-Dollar
- Nierenstein des Schauspielers William Shatner (mit medizinischem Echtheitszertifikat): 25 000 US-Dollar
- Benutztes Taschentuch von Scarlett Johnson: 2000 US-Dollar












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