Interview

Chris von Rohr: «Mein Rezept ist Ginseng, Siesta, Rock'n'Roll»

Chris von Rohr wird 75, denkt aber noch lange nicht ans Aufhören. Er spricht über den Tod, seine Partnerin Patricia, verpasste Chancen mit Krokus – und seine ungebrochene Neugier aufs Leben.

Sie werden am 24. Oktober 75 Jahre alt. Wie fühlt sich das an?

Chris von Rohr: Wenn ich am Morgen aufstehe, denke ich: Wow, ein neuer Tag. Zum Glück habe ich keine grösseren körperlichen Beschwerden.

Leben Sie gesund?

Ja. Das ist allerdings das Verdienst meiner Partnerin. Sie achtet darauf, dass ich mich gesund ernähre. Heute ist, glaube ich, der 27'415. Tag meines Lebens (holt sein Handy hervor).

Sie haben eine App, die Ihre Tage zählt! Zeigt die auch an, wie viel Zeit Ihnen noch bleibt?

Nein. Zum Glück weiss das niemand. Wir alle werden körperlich unterwandert. Im Moment spüre ich davon noch wenig. Aber ich schaue immer die Todesanzeigen an, das macht mich demütig. Mein Leben mit meiner Partnerin und der Band ist deshalb ein kleines Erntedankfest.

Was ist Ihr Rezept?

Ginseng, Siesta, Rock’n’Roll. Und: Halb so viel essen, dafür doppelt so viel bewegen.

Das klingt jetzt zu seriös!

Ich schwöre darauf. Wobei ich zugeben muss, dass ich seit einem Jahr wieder zwei, drei Zigaretten pro Tag rauche.

Wie steht es mit Sport?

Ich bin nicht der Sporttyp. Ich habe meinen Crosstrainer, da versuche ich jeden zweiten Tag eine halbe Stunde, den Puls hochzujagen, dazu ein paar Stretchings und Gartenarbeit. Auf der Bühne merke ich, dass der Körper positiv darauf reagiert.

Sie haben auch die Siesta erwähnt.

Damit meine ich den Mittags-Powernap. Früher hätte ich Ihnen gesagt: Für ein Interview brauchen Sie am Vormittag sicher nicht vorbeizukommen. Heute geniesse ich den Morgen, wenn ich um sechs aufwache. Die senile Bettflucht ist ein Segen.

Sie könnten es sich leisten, den ganzen Tag Siesta zu machen.

Über meinem Arbeitspult steht der Satz: «Wenn ich die Kraft hätte, würde ich gar nichts tun». Sorry, aber zum Zurückliegen bin ich noch zu hungrig. Schliesslich lebe ich meinen Traum.

Gibt es für Sie kein Rentenalter?

Ein Künstler wird nie pensioniert – das liegt in seiner Natur. Ich mache Musik, ich schreibe. Am Tag X einfach aufhören? Unmöglich. Mich interessiert diese Welt viel zu sehr. Wenn ich einmal gehen muss, wird mich vor allem eine Frage beschäftigen: Was drohe ich nun zu verpassen? Wie dreht die Welt weiter?

Sie wünschen sich Push-Meldungen ins Grab?

Ja, bitte, könnt ihr das so organisieren? Auf meinem Grab kann dann stehen : «Room Service, please!»

Wie alt sind Ihre Eltern geworden?

Sie starben Mitte 80 ohne längere Krankheiten. Von den Genen her habe ich Glück. Aber selber weiss man natürlich nie. Jedenfalls verdanke ich meiner Mutter sehr vieles.

Was denn?

Mein Vater war beschäftigt in seinem Treuhandbüro und meine Mutter war eine der ersten Berufs- und Geschäftsfrauen – sehr tough. Aber sie nahm sich immer Zeit für meine Probleme und mich.

Was hat sie Ihnen mitgegeben?

Sie lernte, Rückschläge als Chance zu sehen und das Geschwätz der anderen richtig einzuschätzen. Dieses Selbstvertrauen habe ich von ihr.

In der Jugend hat man oft unverrückbare, radikale Überzeugungen. Sind Sie altersmilde geworden?

Ich lese viel und informiere mich breit. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, eine eigene Meinung zu haben. Und die äussere ich auch. In den letzten Jahren ist jedoch die Einsicht gereift: Du siehst klar, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der andere recht haben könnte.

Zweifeln Sie mehr an eigenen Gewissheiten?

Sicher. Wir wissen ja, dass wir nichts wissen. Ich nähere mich Sokrates. (Lacht)

Haben Sie Ihre Meinung in einem wesentlichen Punkt einmal geändert?

Plötzlich liebe ich Gipfeli zum Zmorge! Aber politisch? (Denkt nach) Meine Grundeinstellung ist geblieben. Ich bin als linker Hippie aufgewachsen. Das Freiheitsverständnis der damaligen Linken hat mit demjenigen der heutigen Linken leider nichts mehr zu tun.

Sie sind also konservativer geworden.

Eher kritischer. Verändert hat sich vielmehr die Einstellung zur Freiheit vieler Linker. Sie moralisieren oder schränken lieber ein, statt Freiheit angstfrei zu geniessen. Die Hippie-Bewegung, die Beatles und Hermann Hesse haben mein Leben bis heute geprägt. Ich habe ein Statement von Hesse hier auf dem Tisch (greift zu einer Karte): «Gewonnen hat immer der, der lieben, dulden und verzeihen kann, nicht der, der besser weiss und aburteilt.»

Früher waren Sie für die Bürgerlichen ein Rebell…

… und heute für die Linken, meinen Sie? Vielleicht. Aber ich passe in keine ideologische Schublade. Und jene, die glauben, ich würde nur die SVP wählen, liegen falsch. Ich stimme sachbezogen ab. Mal so, mal so.

Zum Beispiel?

Nehmen wir Solothurn. Wenn meine Tochter oder meine Partnerin an einem Freitag- oder Samstagabend nicht mehr an den Bahnhof gehen können, weil dort Gangs ihr Unwesen treiben, dann muss ich sagen: Freunde in der Politik, macht euren Job. Wir zahlen hier viel Steuern. Dasselbe gilt für die Drogen. Mittlerweile ist unsere kleine Stadt zu einem Drogen-Mekka geworden. Dabei ist Schutz doch die wichtigste Staatsaufgabe!

Sie haben selber das Rock’n’Roll-Leben geführt. Drogen waren Teil davon.

Das stimmt, aber dieses Leben hatte nichts mit den Verhältnissen zu tun, die wir jetzt hier in Solothurn sehen.

Sie haben Ihre Exzesse in Amerika ausgelebt.

Ja, aber Drogen waren nie unser grosses Problem, sondern das Geschäft. Unser Problem mit Krokus in den USA war: Wir haben das Business nicht gekannt. Wenn du einen guten Manager hast, sagt der auch mal: Kommt, jetzt nehmen wir Tempo raus. Geht euch mal vier, fünf Monate erholen. Einen solchen Manager hatten wir nicht. Heute schon.

Hat Sie der Erfolg überrollt?

Wir kamen aus einem Kirchengemeindehaus in Hinterpfupfigen und waren plötzlich in Hollywood. Die Amerikaner sind die charmantesten Gangster der Welt. Und wir sind auf sie und ihre Mentalität reingefallen. Da gibt es diesen alten Satz: Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.

Glauben Sie, dass Sie mit Krokus in den USA noch weitergekommen wären?

Ja. Ich bin sicher, mit einem starken Manager wären wir heute mit einem Privatjet unterwegs. Aber das kümmert mich nicht: «Bad can be good, too.»

Sie wurden aus der Band rausgeschmissen. War das Ihr grösster Bruch?

Es war ein Schock. Ein Jahr lang war ich völlig im Elend. Ich hatte mein Baby verloren! Doch dann habe ich erstmals ein Bestseller-Buch geschrieben: «Hunde wollt ihr ewig rocken». Und ich habe mit Gotthard eine zweite sehr erfolgreiche Band aufgebaut. Für mich war plötzlich klar: Die negative Erfahrung hat mich zu etwas Neuem und Guten gezwungen. Heute sehe ich das positiv – auch dank meiner Partnerin.

Welche Rolle spielt sie?

Die entscheidende. Ich bin überzeugt: Mit einer guten Frau an der Seite kann nicht viel schiefgehen. Das zeigt meine Lebenserfahrung. Ich würde mich inzwischen als Frauenforscher bezeichnen… und komme zum Schluss: Nichts und niemand lehrt uns Männer so viel wie die Frauen. Sie erden uns. Mit Herz und Feeling.

Sie hatten verschiedene längere Beziehungen. Aber keine hielt.

Und doch ist genau diese Vorstellung am Anfang da. Ich bin eigentlich jedes Mal mit der Absicht gestartet: Wir gehen diesen Weg zusammen. Aber es braucht einen fruchtbaren, auch geistigen Dialog. Irgendwann war der jeweils am Ende.

Warum? Hat es Sie irgendwann gelangweilt?

Als Musiker war ich oft weg. Zwei Wochen hier, zwei Monate dort. Das macht eine Beziehung nicht einfacher. Aber ich will nicht nur der Musik die Schuld geben. Ich war wohl auch lange zu wenig reif, habe zu sehr auf äussere Oberflächlichkeiten geschaut. Ich musste mein Beuteschema hinterfragen.

Wird Ihre jetzige Partnerin Ihre letzte sein?

Meine Partnerin liebt mich so, wie ich bin. Sie ist der perfekte Gegenpol zu meinem Übermut und findet es gut, dass ich nicht angepasst bin. Patricia ist mein Sechser im Lotto. Ich hoffe, dass unsere Beziehung ewig hält. Mit oder ohne Heiratsstempel.

Oha. Sie reden von Heirat!

Wir denken darüber nach. Ich war noch nie verheiratet. Mir ist bewusst, was unser Altersunterschied bedeutet. Ich sage manchmal scherzhaft: «Ich hatte noch nie eine so alte Frau» – einfach, weil ich zuvor nie mit einer Vierzigjährigen zusammen war. Gleichzeitig bringt dieser Altersunterschied auch ernste Gedanken mit sich. Ich möchte nicht irgendwann zu einem Pflegefall für meine Partnerin werden. Wir wollen einfach jeden Tag miteinander geniessen.

Haben Sie manchmal Verlustängste?

Nein. Vielleicht verliert man die Stimme, vielleicht kann man nicht mehr auf die Bühne. Aber die Musik bleibt. Ich kann auch ohne Band am Klavier sitzen. Die akustische Gitarre habe ich eh überall dabei.

Wann ist der richtige Moment, aufzuhören?

Wenn es uns und unseren Fans keine Freude mehr macht.

Und der künstlerische Anspruch, die Weiterentwicklung? Büne Huber will aufhören, wenn er diese nicht mehr erfüllen kann.

Was ist Weiterentwicklung? Wir haben den Anspruch, dass wir unsere Songs stetig besser spielen, sie umarrangieren können und uns den Raum für Improvisationen geben. Jeder, der Musik und seine Instrumente liebt, entwickelt sich automatisch weiter, entdeckt Neues. Uns gefällt es aber auch zum tausendsten Mal, «Bedside Radio» oder «Fire» zu spielen. Da ist alles drin, was Krokus ausmacht.

Aber die Dringlichkeit eines Songs von 1981 können Sie heute nicht wiederherstellen.

Ein Song entsteht aus einem bestimmten Moment und Zeitgeist. Das kann man nicht künstlich rekonstruieren – auch nicht mit KI. Sie mag einen Song erschaffen, der nach Krokus klingt. Doch jene Genialität, die damals aus dieser Zeit heraus entstand, wird sie die KI nie einfangen. Wer weiss – vielleicht gelingt uns selbst noch einmal so ein Song.

Hat Musik heute noch dieselbe Bedeutung wie früher?

Nein. Musik ist heute oft nur noch Nebengeräusch, Ablenkung. Früher war sie eine Botschaft, man hörte bewusst zu. Musik war fast eine Ersatzreligion. Wenn eine neue Single oder ein Album der Stones oder Pink Floyd herauskam, war das ein Ereignis.

Aber wirtschaftlich ist Musik grösser denn je.

Das stimmt. Das Livegeschäft ist enorm wichtig geworden. Ein Album zu veröffentlichen, ist längst nicht mehr zwingend. Entscheidend ist, auf der Bühne zu überzeugen – und genau deshalb können wir uns behaupten.

Sie betonen auch die körperliche Seite von Musik.

Tanzen hat eine unglaubliche Kraft, gerade für Kinder und Jugendliche. Heute spielt sich zu viel im Kopf ab. Wir sitzen ständig und starren auf Bildschirme – irgendwann sagt der Körper: Beweg dich wieder. Musik öffnet die Herzen, setzt Energie frei.

Und ist Musik das beste Mittel gegen Bildschirmsucht?

Yes. Das Smartphone ist wie ein Nuggi – für uns alle. Ich nehme mich da nicht aus. Es entwickelt eine unglaubliche Anziehungskraft. Es ist eine neue Form der Sucht, eine Droge. Musik und die Natur helfen dagegen.

Sie sind auch ein grosser Leser. Welche Literatur hat Sie geprägt?

Vor allem Hermann Hesse: «Demian», «Narziss und Goldmund», «Das Glasperlenspiel». Oder Hernry Miller plus die Beatles mit ihren Texten, vor allem John Lennon. Das gab mir Kraft und Antworten, die mir sonst niemand geben konnte.

Am Anfang wurden Sie vom Feuilleton belächelt. Heute bekommen Sie Anerkennung. Ist das eine gute Seite des Älterwerdens?

Absolut. Und das Phänomen zeigt sich nicht nur in den Zeitungen. Früher hat man die Strassenseite gewechselt – heute gibts Freedrinks.

Wie erklären Sie sich diesen Respekt?

Mit meinem Durchhaltevermögen, weil man mich als Autor entdeckt hat, und weil ich mich nie verbogen habe. Wenn ich jungen Leuten einen Rat geben müsste, dann: Bleibt dran! Gebt nicht auf! Irgendwann kommt der Respekt. Ich spüre diese Wertschätzung bei mir inzwischen sogar, wenn ich mich politisch äussere.

Inwiefern?

Man ist mit mir einverstanden oder nicht. Aber fast alle sagen: Es ist cool, dass Sie den Mut haben, Klartext zu sprechen. Und dass Sie sagen, was wir vielleicht nicht dürfen.

Aufs Alter hin werden Sie, der Rebell, noch zu Everybody’s Darling, zum Mainstream. Wer hätte das gedacht?

Ja, das könnte sein. Als Rebell müsste ich mich darüber beschweren. Aber ganz ehrlich, die Anerkennung tut gut.

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