Nachleben

Die Rückkehr des Anthony Bourdain: Warum er acht Jahre nach seinem Tod wieder Kult ist

Auf Instagram und TikTok entdeckt eine neue Generation den Starkoch. Was sie in seinen alten Reisen findet und was dabei von dem Menschen dahinter übrigbleibt.

Acht Jahre nach seinem Tod ist Anthony Bourdain lebendiger als je. Zumindest auf Social Media. Alte Ausschnitte seiner Sendung «Parts Unknown» erreichen Millionen, seine Zitate werden in Reels als Lebensweisheiten gefeiert, seine Gerichte nachgekocht. Nach der Dokumentation «Roadrunner» von 2021 kommt nun mit «Tony» ein weiterer Film in die Kinos. Er porträtiert den 19-jährigen Bourdain und seine Anfänge. Doch der Film allein erklärt kaum, warum eine neue Generation einen Mann für sich entdeckt, der wohl einer der letzten gewesen wäre, der sich selbst als Influencer bezeichnet hätte.

Bourdain war 44, als er praktisch über Nacht berühmt wurde. Davor hatte er mehr als zwei Jahrzehnte in Restaurantküchen verbracht: vom Tellerwäscher bis zum Küchenchef. Er war zeitweise hoch verschuldet und kämpfte jahrelang mit Heroin- und Kokainabhängigkeit. In «Kitchen Confidential» schrieb er 2000 schonungslos über diese Welt – und über sich selbst.

Das Buch wurde zum Bestseller, aus dem Koch wurde ein Fernsehstar, der fortan durch die Welt reiste. Bourdain ass sich durch Garküchen, Familienküchen und Restaurants, doch dabei ging es selten nur ums Essen. Er setzte sich zu Menschen an den Tisch und hörte ihnen zu. Sie erzählten ihm von ihren Ländern, von Kultur und Alltag, aber auch von Armut und Politik.

Das Sandwich, das nicht verschwindet

Besonders gut lässt sich sein digitales Nachleben an einem Sandwich beobachten. Dünn geschnittene Mortadella, in der Pfanne knusprig braten, Käse darüber schmelzen, Mayonnaise und Senf zwischen zwei Brötchenhälften: Mehr braucht es für Anthony Bourdains Mortadella-Sandwich nicht. Das Rezept veröffentlichte er 2016 in seinem Kochbuch «Appetites», inspiriert von einem Sandwich, das er in São Paulo gegessen hatte. Auf Instagram und TikTok wird es bis heute nachgekocht.

Dabei hätte zu Bourdain kaum etwas weniger gepasst, als die Welt nur durch einen Bildschirm zu erleben. Was er wohl dazu gesagt hätte? «If I'm an advocate for anything, it's to move.» Rausgehen, andere Orte und Menschen kennenlernen. Besonders oft zog es ihn nach Vietnam.

Ein Präsident auf Plastikstühlen

In Hanoi ass Bourdain mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama. In einem kleinen Lokal sassen sie auf Plastikstühlen. Es gab Bún chả, gegrilltes Schweinefleisch mit Reisnudeln und Kräutern. Dazu Hanoi-Bier aus der Flasche. Bourdain bezahlte die Rechnung von sechs Dollar. Bourdain behandelte den mächtigsten Mann der Welt an seinem Tisch wie einen gewöhnlichen Gast. Er habe Obama nicht interviewen wollen, schrieb Bourdain später. Sie sprachen über ihre Töchter, Reisen und Obamas Kindheit in Indonesien und Hawaii. Bourdain fragte ihn, ob er es vermisse, einfach in eine Bar gehen und allein ein Bier trinken zu können.

Besonders beeindruckte Bourdain jedoch, was danach geschah: Junge Vietnamesen kamen am nächsten Tag mit Tränen in den Augen auf ihn zu. Der US-Präsident hatte ihr Bún chả gegessen, ihre Spezialität, in einem Lokal, in dem sie selbst assen. «It was THEIRS!», schrieb Bourdain später. Es war ihres.

Wenn Bourdain widerspricht

Doch Bourdain hörte seinen Tischpartnern nicht nur zu. Er widersprach ihnen auch. In Singapur sass er mit drei Einheimischen, als das Gespräch auf ausländische Hausangestellte kam. Eine Frau erklärte, sie ermöglichten vielen Singapurerinnen, arbeiten zu gehen. Ihr eigener Mann sei so daran gewöhnt, bedient zu werden, dass er sich nicht einmal selbst ein Glas Wasser hole.

Bourdain fragte nach. Wäsche? Machten sie nicht selbst. «It’s like bourgeois, man», sagte er schliesslich. Ihr lebt von der Arbeit einer unterdrückten Unterschicht. Jahre später tauchte der Ausschnitt erneut auf Social Media auf und löste eine Debatte über den Umgang mit migrantischen Hausangestellten in Singapur aus.

Betrunken im Waffle House

Bourdain brauchte weder einen Präsidenten am Tisch noch ein fremdes Land, um sich für ein Essen zu begeistern. 2015 nahm ihn Spitzenkoch Sean Brock in South Carolina, spätabends, betrunken mit ins Waffle House, eine amerikanische Restaurantkette. Es war Bourdains erster Besuch. Brock bestellte sich quer durch die Karte: Pecan-Waffeln, Patty Melt, Hash Browns. «It is indeed marvelous», stellte Bourdain fest. Ein Ort, frei von Ironie, an dem alles schön ist und nichts wehtut.

Ein anderes Bild vom Iran

Bourdains Neugier bedeutete auch, sich überraschen zu lassen. Besonders deutlich wurde das im Iran. Vier Jahre lang hatte er versucht, eine Drehgenehmigung zu bekommen. Als es 2014 endlich klappte, fand er ein Land vor, das kaum dem Bild entsprach, das er aus amerikanischen Nachrichten kannte. Fremde begrüssten ihn auf der Strasse, luden ihn zum Essen ein, Familien servierten ihm aufwendige Reisgerichte, Eintöpfe und Kebabs. «I am so confused», sagte Bourdain. Ausgerechnet im Iran werde er von Fremden so herzlich empfangen wie kaum irgendwo sonst.

Doch Bourdain blendete die politische Realität nicht aus. In Teheran traf er zwei Journalisten, die wenige Wochen später verhaftet wurden. Bourdain setzte sich für ihre Freilassung ein. Über den Iran schrieb er später: «Ein Ort, der einem an einem Tag das Herz wärmen und es am nächsten brechen könne.»

Der Anthony Bourdain, der heute durch Instagram und TikTok reist, ist einer, der das Leben verstanden zu haben scheint. Er reist, trinkt, lacht und sagt Sätze wie: «Life is fucking good.» Der echte Bourdain war widersprüchlicher. In einer Folge von «Parts Unknown» legte er sich 2016 in Buenos Aires auf die Couch einer Psychotherapeutin. Mehr als 200 Tage im Jahr sei er unterwegs, erzählte er ihr. Das sei «crushingly lonely», erdrückend einsam. Auf die Frage, was ihn zu ihr geführt habe, antwortete Bourdain: «I’d like to be happy.» Ich würde gerne glücklich sein.

Zwei Jahre später, am 8. Juni 2018, nahm sich Anthony Bourdain während Dreharbeiten in Frankreich das Leben. Er war 61. Heute wird ausgerechnet dieser Mann in den sozialen Medien zur Projektionsfläche für ein freieres, glücklicheres, authentischeres Leben. Vielleicht liegt gerade in diesem Widerspruch ein Teil seiner anhaltenden Faszination. Bourdain hat nie behauptet, selbst herausgefunden zu haben, wie man richtig lebt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – konnte er aussergewöhnlich gut davon erzählen, was das Leben lebenswert macht.

Der Film «Tony» läuft in den USA seit dem 21. August. Ein Datum für den Kinostart in der Schweiz gibt es noch nicht.

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