
Er war der deutsche Paradeintellektuelle und prägte gleichzeitig das Privatfernsehen, das sonst nicht unbedingt für intellektuelle Höhenflüge steht. Wie geht das?
Bei Alexander Kluge fand alles zusammen: Das Hohe und vermeintlich Tiefe, das Grosse und Unscheinbare, das Theoretische und Angewandte, das Komplexe und bildhaft Anschauliche.
Alexander Kluge war ein Pröbler und erneuerte Film und Literatur
Man kann sich keinen vibrierenderen, neugierigeren und vielseitigeren Kopf als ihn vorstellen. Neben dem Filmemachen, der Schriftstellerei und Philosophie war er auch Jurist. Kluge probierte alles aus, mischte bei jeder wegweisenden kulturellen Entwicklung mit.
Als Autor zählte er zur Elite des nach dem Zweiten Weltkrieg sich neu etablierenden Literaturbetriebs der Bundesrepublik und wirkte im erlauchten Kreis der «Gruppe 47» mit. Besonders mit Kurzerzählungen machte er sich einen Namen. Zu seinen grossartigen Büchern gehören «Chronik der Gefühle» oder «Die Lücke, die der Teufel lässt». Er erhielt namhafte Literaturauszeichnungen wie den Georg-Büchner-Preis und den Heinrich-Heine-Preis.
Adorno war sein Mentor, Habermas ein Freund
Geboren wurde Alexander Kluge 1932 in Haberstadt als Sohn eines Arztes. Noch 1944 wurde er während der Nazi-Diktatur zum Volkssturm eingezogen. Danach studierte er neben Jura auch Kirchenmusik und Geschichte. Er fand Anschluss an das Frankfurter Institut für Sozialforschung. In diesem philosophisch-soziologischen Zentrum der sogenannt Kritischen Theorie zog er das Interesse des berühmten Denkers Theodor W. Adorno auf sich, der sein Mentor wurde.
Nach wenigen Jahren Tätigkeit als Anwalt verlegte er sich vor allem auf Gesellschaftsanalysen, lange vor den 68ern. In den 1960er- und 1970er Jahren avancierte er zu einem der einflussreichen Vertreter des Deutschen Films. Er war einer der Filmemacher, die im «Oberhausener Manifest» 1962 ein Kino der Autoren forderten. Seit 1963 lehrte er zudem Film an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Zu den wichtigsten Filmen, an denen er mitwirkte, zählt «Abschied von gestern».
«Spiegel TV» kommt aus Kluges Küche
1987 war Kluge Mitbegründer der Produktionsfirma dctp, die private Sender wie Sat. 1 oder RTL mit kulturellen und wissenschaftlichen Beiträgen aufwertete. Wie das Magazin «Der Spiegel» schreibt, kommt auch «Spiegel TV» aus seiner Küche.
In den letzten Jahren nahm Kluge auch problematische Positionen ein. Im 2025 erschienenen Bilderatlas «Sand und Zeit» bezog er im Gaza-Krieg Stellung gegen Israel, das man seiner Ansicht nach boykottieren sollte. Er prangerte auch die westliche Hilfe für die Ukraine gelegentlich an. Diese grundpazifistischen Positionen fanden in der Bundesrepublik sowohl Zustimmung als auch heftige Ablehnung. Kluge meinte bis zum Schluss, man müsse der Kriegsproduktion eine «Antikriegsproduktion» entgegensetzen.
In der «Zeit» sagte er anlässlich des Todes seines Weggefährten und Freundes Jürgen Habermas: «Heute sehen wir eine seltsam veränderte Welt. Manche sprechen sogar von einer dunklen Aufklärung, die vor allem im Umfeld des Silicon Valley entstanden ist.» Dieser dunklen hat Alexander Kluge ein Leben lang mit allen Mitteln der Kunst und des Denkens seine hellsichtige Aufklärung entgegengestellt.
Wie der Suhrkamp-Verlag unter Berufung auf seine Familie mitteilte, starb Alexander Kluge am Mittwoch im Alter von 94 Jahren in München.

Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.