Ist das noch ein «Polizeiruf», ein Sonntagabend-Kuschelanlass – oder eher ein Psychodrama mit nordisch-schwerem Gemüt? Die zentrale Figur Sarah von Mareike Sedl jedenfalls hat ein Kaurismäki-Gesicht. Sedl ist eine Burgtheaterschauspielerin von nachhaltigem Erinnerungswert: Wer sie einmal gesehen hat, nimmt sie mit in seine Albträume.
Eine Frau geht vergessen,nur Brasch interssiert sich für sie
Sarah macht es uns aber auch besonders einfach:Kaum steht sie im Bild, lässt sie sich von einem Auto überrollen. Wäre Doreen Brasch (Claudia Michelsen) nicht, die sich der Frau ohne Identität annimmt, der Fall würde umgehend geschlossen.
Unfall oder Verbrechen, fragt sich Brasch. Der Titel «Widerfahrnis» gibt ihre Suchbewegung vor. Ein Widerfahrnis ist das, was einem zustösst. Die Ermittlerin bewegt sich demnach auf dem Feld der Mutmassungen. Doch schnell wird klar: Das Vorleben des Opfers ist eine ordentlich geschnürte Packung Schmerz.
Brasch ermittelt also, und wir sind Zeugen. Zuseher dabei, wie sich das Leben der offensichtlich Lebensmüden in der Retrospektive Katastrophe um Katastrophe aufwickelt. Das ist dramaturgisch packend gemacht und in Farben getunkt, die viel zu schön sind, um wahr zu sein. Die Schönheit muss sein, sie macht den Rest erträglich. Der Rest ist hallendes Schweigen und tiefdunkle Depression.
«Widerfahrnis» ist ein Novemberkrimi, im Frühling hat er rein gar nichts zu suchen. Umso heftiger bleibt er in Erinnerung. Und umso aufgehobener dürfen sich Zeitgenossinnen fühlen, denen Frühlingsgefühlen seit je suspekt sind.
Wir geben vier von fünf Sternen.
Polizeiruf 110: 'Widerfahrnis', ARD, 4. 5. 20.15 Uhr

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