Zensur

Star-Künstler Ai Weiwei: «Die Schweiz will meinen Ruf beschmutzen»

Der Starkünstler schreibt ein Buch über Zensur und verheddert sich dabei in eine Polemik. Das macht die Lektüre explosiv.

Die gefährlichsten Dinge sind in unserem Kopf. Es sind unsere Fantasie und Kreativität. Die Möglichkeit, sich die Realität auch ganz anders vorzustellen. Deshalb sind in autoritären Regimen Dichter, Künstlerinnen – Schöpfergeister im Kleinen und Grossen – oft unter den ersten, die mundtot gemacht werden.

Das schillerndste Beispiel ist der chinesische Künstler und Menschenrechtsaktivist Ai Weiwei. Er ist der Sohn eines gefallenen Staatsdichters und wuchs mit seinem Vater in einem Umerziehungslager auf. Dort hauste er mehrere Jahre unter der Erde.

Als junger Mann setzte ihn China fast 3 Monate lang in Isolationshaft, in einer Auseinandersetzung verletzte ihn die Polizei lebensgefährlich. Ai lebt und arbeitet seit 2015 im Westen. Erst Berlin, dann London, inzwischen wohnt er in Portugal.

Meinungsfreiheit gibt es nicht

Ist der Westen seine Hoffnung? Mitnichten. Der Künstler misstraut der sogenannten freien Gesellschaft zur Gänze. Wiederholt erlaubt er sich in öffentlichen Debatten sogar einen besonders giftigen Affront: Er nennt  das, was wir als Leistung einer Demokratie erleben, die Meinungsfreiheit, Zensur.

Beobachtungen dazu hat er in einem neuen Buch zusammengefasst. «Über Zensur» heisst das Werk, das ein «Warnruf» sein will. Man muss es lesen, wird sich ärgern und hat vielleicht dennoch schon lange nicht eine derart aufrührerische und beunruhigende Lektüre in der Hand gehabt. Sie liest sich ungemein persönlich, oft politisch, noch öfter philosophisch – doch enttäuschend wenig greifbar.

Immer dort, wo Ai konkret wird, ist das Buch erschütternd. Handfest und anschaulich sind die Beispiele – und das Fotomaterial dazu – aus seinem Leben: Chinesische Behörden, die seine Arbeit aus Ausstellungen entfernten und auf Social-Media-Plattformen löschten. Chinesische Beamte, die in Kunst- und Geschichtsbüchern seinen Namen tilgten.

Im Westen wiederum beschuldigt er Filmfestivals, dass sie seine Filme ablehnten. Er benennt Museen in Paris, London, Berlin und Boston, die ihn ausladen, aus Angst vor chinesischen Repressionen oder um die Handelsbeziehungen nicht zu gefährden. Und genauso aus Furcht, Sponsorengelder zu verlieren.

Schweizer Bankkonto verweigert?

Was die Schweiz betrifft, hat Ai Weiwei kürzlich in der Sendung von Sandra Maischberger eine Attacke formuliert: Man habe ihm ein Schweizer Bankkonto verweigert mit der Begründung, dass er mit einer kriminellen Organisation in Verbindung stehe. Ai folgert: «Die Schweiz will meinen Ruf beschmutzen.»

Auf einen Nenner gebracht besagt das Fazit des Buches: Zwar wende die westliche Demokratie ihre Zensur gänzlich anders an als China – sie arbeite mit Indoktrination –, doch der Effekt sei der selbe: «Menschen wird eingebläut, dass freies Denken gefährlich ist».

Eine weitere Beobachtung empfindet er als gefährlich. Aus Angst vor sozialer Isolation und beruflicher Repression regulierten wir im Westen unsere Gedanken freiwillig. In der Selbstzensur sieht Ai unsere offene, freie Gesellschaft bedroht. Verantwortlich dafür macht er die «Mainstream-Medien», deren Ziel ein «Mainstream-Bewusstsein» sei.

Vollends ins Reich der Polemik gleitet Ai schliesslich, wenn er seinen Warnfinger vor «Massenüberwachung» und «neuen Kontrolltechnologien» aufbaut. Big Data wird das kritische Denken ersetzen, weiss er. Hätte er nur mehr Vertrauen in die Menschheit! Er selbst müsste es doch eigentlich besser wissen. Sein eigener Kampf zeigt, dass hohle Ideologie nie obsiegt.

Ai Weiwei: Westend Verlag, 2026.

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