Bevor es unter Künstlern anders verdrahtete Gehirne gab, gab es erschöpfte Nerven. Um die Jahrhundertwende war der Mensch ähnlich überreizt wie heute. Nicht vom Smartphone-Konsum, sondern vom Lebensgefühl der Grossstadt und ihren schnellen Fortbewegungs- und Kommunikationsmitteln.
Es war der New Yorker Neurologe George Miller Beard, der aus diesem Gefühl gesellschaftlicher Beschleunigung im 19. Jahrhundert eine Diagnose machte: die Neurasthenie. Betroffene litten unter Herzklopfen, Verdauungsstörungen, depressiven Zuständen und Ermüdung. Es war eine Krankheit für Menschen, die zu viel dachten, zu viel empfanden, zu schnell lebten. Betroffen war vor allem die urbane Elite – Geschäftsleute und Künstler.
Und noch eine Parallele zum ADHS-Trend lässt sich finden: Die Diagnose galt nicht als Makel, sondern als Auszeichnung. Der Neurastheniker war nicht faul, sondern zu sensibel für die Moderne, genauso wie der heutige ADHS-Künstler im Internetzeitalter nicht chaotisch, sondern assoziativ, schnell und originell ist.
Der österreichische Autor Robert Musil, der mit seinem Erscheinungsbild (durchtrainiert) und seiner Disziplin (pro Tag stemmte er Hanteln und machte Kniebeugen) als Role Model perfekt in den Fitnesstrend unserer Zeit gepasst hätte, erhielt seine Diagnose 1913. Als Bibliothekar in Wien litt der Künstler unter den stumpfsinnigen, repetitiven Zumutungen seines Jobs und fühlte sich zu Höherem berufen (zu einem Jahrhundertroman).
Der Besuch beim Nervenarzt und die Diagnose Neurasthenie verschafften Musil den ersehnten Krankheitsurlaub (oder besser: Schreibferien?). Denn im bürokratischen Koloss der k. u. k.-Monarchie galt die Krankheit als Freistellungsgrund. So beschreibt es der Autor Florian Illies in seinem Buch «1913».
Nacktbaden gegen die Grossstadtüberreizung
Das Gegenprogramm zur Neurasthenie dürfte heutige Freunde von Digital Detox auch nicht so sehr überraschen: Die Natur war des Neurasthenikers bester Freund. Musils Berufskollege Franz Kafka ging Nacktbaden und meldete sich 1913 freiwillig in einer Prager Gärtnerei, wo er zwei Stunden täglich Unkraut in Kohlrabi-Beeten jätete, damit er wieder «Boden unter den Füssen» bekam.
Und Thomas Mann, der für die Krankheitsdiagnosen seiner Zeit eine Obsession entwickelte – kaum ein Werk, das ohne einen leidenden Kranken auskommt –, erfand als junger Mann einen der ersten Neurastheniker der Weltliteratur: Christian Buddenbrook aus dem Familienroman «Die Buddenbrocks». Beschrieben hat er ihn mit viel Expertise: Der Schriftsteller litt schon in jungen Jahren unter Neurasthenie.
Auch Marcel Prousts Asthma wurde in seiner Zeit häufig als nervöses Leiden verstanden und in den Deutungshorizont der Neurasthenie gestellt. 1905 liess der Autor sich in der Klinik des Neurologen Paul Sollier behandeln. Dort ging es um Erinnerungen, die nicht brav auf Zuruf erscheinen, sondern den Körper überfallen. Ausgerechnet dieses medizinische Verfahren wurde später zu einem poetischen Prinzip von Prousts siebenteiligem Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit».
Und wer bei der Aneinanderreihung dieser Herrenrunde daran zweifelt, dass auch Frauen von dieser Krankheit betroffen waren – die waren im 19. Jahrhundert ja alle hysterisch –, der irrt: Nur wurde die Neurasthenie bei ihnen anders gelesen: nicht als Auszeichnung des überreizten Geistes, sondern oft als Warnsignal gegen zu viel Bildung, Ehrgeiz und Eigenständigkeit. Dagegen verordnete man heutige Wellness-Programme: Bettruhe, Ernährung, Massage und Isolation.
Was eine berühmte Neurasthenikerin, die amerikanische Autorin Charlotte Perkins Gilman, zu ihrer bitterbösen Kurzgeschichte «The Yellow Wallpaper» inspirierte. Darin entlarvt sie die Therapiemassnahmen als Versuch des Patriarchats, die weibliche Kreativität und Selbstbestimmung stillzulegen.
Ob Mann oder Frau: Für Spott sorgte so viel Selfcare schon damals. Unter Zeitgenossen kursierte der Vers: «Raste nie, doch haste nie, sonst haste die Neurasthenie.»





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