Schweizer Musikgeschichte

«Ich habe nie einen Pflasterstein geworfen»: Wie Punk in Zürich gross wurde

Vor 50 Jahren erreichte die neue rebellische Musik die Limmatstadt. Was folgte, war roh, unangepasst und erstaunlich früh – eine Szene zwischen Musik, Kunst und kreativem Dilettantismus.

Die Schweiz war lange ein popkulturelles Entwicklungsland. Neue Trends, Stile und Strömungen erreichten das Land meist mit respektabler Verspätung. Beim Punk war alles anders.

1976 gilt heute als Geburtsjahr des Punk-Rock. Und 1976 begann auch die Geschichte des Punk in der Schweiz. Gemäss dem Schweizer Ur-Punk Rudolph Dietrich gehörte die Schweiz zu den ersten Ländern auf dem europäischen Kontinent, die die neue Musik aufsogen und produzierten. In mehreren Städten entstanden eigenständige lokale Szenen. Die ersten Zentren: Genf und vor allem Zürich.

In Zürich ging alles erstaunlich schnell. Bereits im November 1976 startete der Musiker und Aktivist Rudi Dietrich im Schwulenclub «Hey» am Bellevue die erste Punk-Disco der Schweiz. Der Club wurde zum Treffpunkt einer noch kleinen, aber rasch wachsenden Szene.

Nasal Boys - die erste Punkband der Schweiz

Ur-Punk Dietrich war fasziniert von der Energie und der Provokation der neuen Musik. Noch im selben Jahr gründete er die erste Punk-Band der Schweiz. Zunächst nannte sie sich 1001. Stick Of The One Day Kick, später Nasal Boys. Das erste dokumentierte Konzert fand am 18. Mai 1977 im «Hey» statt. Ein halbes Jahr später erschien «Hot Love», die erste Schweizer Punk-Single – ein Meilenstein des Schweizer Punk. Roh, ungeschliffen, minimalistisch und schroff.

«Ich war kein begnadeter Musiker, kein guter Gitarrist, weshalb ich gar nicht kopieren konnte», sagt Dietrich. «Ich wollte so spielen, wie ich es kann.» Genau darin lag ein Kern des Punk. Es ging weniger um musikalische Perfektion als um Energie – und darum, was die Musik bei den Leuten auslöste. «Wir hatten nie den Anspruch, gute Musik zu machen», sagt Dietrich. Entscheidend waren Provokation und die Lust am Bruch musikalischer Konventionen.

Die Nasal Boys wurden damit zu einem wichtigen Impulsgeber der jungen Szene. Ihr Einfluss reichte bis nach Deutschland. In der Schweiz motivierten und beeinflussten sie Bands wie die Dogbodys (September 1977), Kleenex (Januar 1978), Fresh Color mit Sänger Dieter Meier (Juni 1978) sowie TNT mit Sängerin Sara Schär (Oktober 1978).

Unbehagen an der Schweiz

Doch eine Szene entsteht nicht allein durch Bands. Entscheidend für die frühe Verbreitung des Punk in der Deutschschweiz waren auch Radioleute wie Christoph Schwegler und FM François Mürner. In seiner Sendung «Musik aus London» stellte Mürner die neuesten Bands vor.

Während die traditionellen Printmedien mit dem neuen Phänomen wenig anfangen konnten und die Szene zunächst weitgehend ignorierten, nahm diese die Informationsvermittlung kurzerhand selbst in die Hand. Nach dem Do-It-Yourself-Prinzip entstand im Oktober 1977 das Szene-Magazin «No Fun», das von prägenden Figuren wie Urs Steiger, Iggie Wiederkehr und Urs Preissle produziert, vertrieben und zum Sprachrohr einer Szene wurde, die international erstaunlich vernetzt war. Und es gab Strukturen, die den Punk unterstützten. Das unabhängige Plattenlabel Off Course Records von Martin Byland sowie die Sunrise Studios in Kirchberg/SG von Etienne Conod, das die neue Musik unabhängig von den grossen Plattenfirmen aufnahm.

Dass der Zürcher Punk auf dem europäischen Kontinent eine Vorreiterrolle spielte, ist trotzdem erstaunlich. Denn die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen unterschieden sich fundamental von jenen in England. Dort entstand Punk vor dem Hintergrund einer tiefen Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit. Gerade jungen Menschen schwanden die Zukunftsaussichten. «Die Gesellschaft bietet uns keine Zukunft» – so lässt sich dieses Lebensgefühl auf den Punkt bringen.

In der Schweiz sah die Welt anders aus. Zwar hinterliess die globale Rezession auch hier ihre Spuren, doch die Lebensverhältnisse blieben insgesamt stabil, die Arbeitslosigkeit gering. Es fehlte jener wirtschaftliche Nährboden, auf dem der englische Punk gewachsen war.

Der Schweizer Punk speiste sich deshalb weniger aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit als aus dem Gefühl gesellschaftlicher Enge: «Diese wohlhabende, geordnete Gesellschaft bietet uns keinen Platz.» Punk wurde zum Ausdruck eines Unbehagens an einer Schweiz, die funktionierte, aber wenig Raum für Abweichung bot. Damit berührte sich die Punk-Szene bald mit Forderungen nach kulturellen Freiräumen, mit Hausbesetzungen und dem Aufkommen einer autonomen Jugendkultur.

Kreatives Biotop aus Nonkonformisten und Künstlern

Rund um die Zürcher Punks entstand ein kreatives Biotop aus Nonkonformisten, Musikern und Künstlern, das stilistisch ausgesprochen offen war. Hier bewegte sich etwa der spätere Double-Sänger Kurt Maloo mit seiner avantgardistischen Performance-Rock-Truppe Troppo. Dazu kamen die Mundart-Klamauk-Band Tabbis Nukkerli, Taxi mit «Campari Soda» oder Dominik Grandjeans Band Hertz. Punk im engeren Sinn spielten sie nicht. Gewachsen waren sie aber auf demselben kreativen, nonkonformistischen Zürcher Nährboden. Auch das Publikum war dasselbe.

Überhaupt ist die Nähe des Zürcher Punk zur bildenden Kunst und zur Performance-Kunst auffällig – und wird in ihrer Bedeutung oft unterschätzt. Die Parallelen liegen auf der Hand. Es ist kein Zufall, dass sich Dieter Meier und Kurt Maloo sowohl in der Performance-Kunst als auch in der Musik bewegten. Der Künstler Peter Fischli fühlte sich von der Punk-Ästhetik angezogen und gestaltete eine Reihe von Plattencovern. Kleenex-Bassistin Klaudia Schifferle wiederum ist heute als bildende Künstlerin tätig.

Kunst und Punk verbanden dabei mehr als bloss eine gemeinsame Ästhetik. Punk brach mit den Konventionen und Normen der etablierten Musik und setzte an die Stelle des vollendeten Kunstwerks die Idee, das Konzept, die Haltung. Einen ähnlichen Bruch hatte die bildende Kunst längst vollzogen. Handwerkliches Können verlor seinen privilegierten Status. Entscheidend waren Energie, Botschaft und Idee.

Ausbildung, soziale Stellung oder technische Fertigkeit spielten keine entscheidende Rolle mehr. Züri Punk ermächtigte sich einer Musik, die zuvor weitgehend von einer professionellen Elite bestimmt worden war. Punk wurde zur Befreiung von den Zwängen traditioneller Musikästhetik. Die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst begann sich aufzulösen. Gefeiert wurden das Rohe und Grobe, das Unvollkommene, Unperfekte und Unfertige. Gefeiert wurde der kreative Dilettantismus.

Für eine kurze Zeit bildete die Zürcher Punk-Szene eine verschworene Gemeinschaft. Man hielt zusammen, unterstützte sich gegenseitig – und liess einander gleichzeitig in Ruhe. Denn ebenso wichtig wie die Gemeinschaft war die Individualität jedes Einzelnen. Gemeinschaftliche Vorgaben gab es nicht. Keine Regeln, keine Vorschriften, nicht einmal Kleiderordnungen. «Jeder konnte nach seinem Gusto leben und sich seine eigene Welt bauen», sagt Rudolph Dietrich.

Frauen wurden wie selbstverständlich akzeptiert

Von dieser Haltung profitierten auch die Frauen. In der männerdominierten Rockmusik hatten sie es lange schwer und blieben die Ausnahme. Im Zürcher Punk war das anders. Frauen wurden auch als Instrumentalistinnen akzeptiert und waren, selbstverständlicher Teil der Szene. Kleenex gilt als eine der ersten reinen Frauenbands des Punk, die auch international wahrgenommen wurde.

Und Kleenex war kein Einzelfall. In Zürich standen auch Sara Schär von TNT, Silvia Holenstein von Mother’s Ruin und später Vera Kaa an vorderster Front. «Ich setzte mich vehement für Gleichberechtigung und Frauenrechte ein», erinnert sich Holenstein, «bei den Punks war das aber gar kein Thema, weil es so selbstverständlich war.» Darin lag ein wesentlicher Teil des Selbstverständnisses von Punk: «Jeder oder jede, die etwas kreieren will, darf es machen. Unabhängig von Herkunft, Alter oder Geschlecht.»

Doch aus der kulturellen Aufbruchstimmung wurde bald ein politischer Konflikt. Der damalige Zürcher Stadtpräsident Sigmund Widmer goss zusätzlich Öl ins Feuer als er in einer Diskussionsrunde sagte: «Ob Rockmusik Kultur ist, sei jetzt einmal dahingestellt».

Die Zürcher Bewegung wollte die leerstehende Rote Fabrik für ihre Kultur gewinnen. Doch dann schoben die Behörden den Riegel vor. Die Fabrik sollte stattdessen zum Lager für Requisiten des Opernhauses werden. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Am 30. Mai 1980 knallte es erstmals. Von da an kam es praktisch jeden Samstag zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Tränengas, Pflastersteine, eingeschlagene Scheiben: die Opernhaus-Krawalle.

80er-Bewegung hat Punk instrumentalisiert

In der öffentlichen Wahrnehmung verschmolzen Punk und 80er-Bewegung zunehmend miteinander. Bis heute werden die beiden häufig gleichgesetzt. Ur-Punk Rudolph Dietrich widerspricht diesem Narrativ vehement. Aus seiner Sicht wurde die links motivierte 80er-Bewegung von politischen und kulturellen Kräften getragen, die mit dem ursprünglichen Punk wenig zu tun hatten. Die Punks seien im Zuge der Opernhaus-Krawalle für deren Anliegen instrumentalisiert worden.

Wie kompliziert das Verhältnis tatsächlich war, zeigt die Geschichte eines 43 Sekunden kurzen Songs.

Schon 1979, also vor den Jugendunruhen, nahm die Band TNT mit Sängerin Sara Schär «Züri Brännt» auf. In gerade einmal 43 Sekunden verdichtete die Band das Lebensgefühl der Zürcher Punks. «43 Sekunden geballte Wut gegen das Schweizer Establishment», bezeichnete das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» den Song. Doch die Pointe ging verloren. «Züri Brännt» handelte nicht von brennenden Barrikaden. Es war die Langeweile, die brannte – die brennende Langeweile im Zürich der 1970er-Jahre.

Die damals 14-jährige Sara Schär solidarisierte sich zwar mit den Zielen der Bewegung. TNT selbst verstand sich jedoch nicht als deren aktiver Teil. Das hinderte «Züri Brännt» nicht daran, zum Slogan und Schlachtruf der 80er-Unruhen zu werden. Der Song wurde nachträglich zur Hymne der Bewegung umgedeutet und entwickelte ein erstaunliches Eigenleben. «Züri brännt» wurde zum Namen von Richard Dindos Film über die Zürcher Unruhen. Und noch Jahrzehnte später, 2020, musste er als Titel einer Folge der Zürcher TV-Krimireihe «Tatort» herhalten, die sich mit den bewegten Jahren auseinandersetzte.

Dietrich geht in seiner Abgrenzung von Punk und 80er-Bewegung weit. Er nennt politische und links-feministische Kreise, Sozialarbeitende und linke Kulturschaffende, die den Punk für ihre Anliegen instrumentalisiert hätten, mit Punk selbst aber wenig zu tun gehabt hätten. «Wir haben nie irgendwelche Forderungen gestellt.» Auch der Ansatz, «jetzt schlagen wir die Scheiben ein und werfen mit Pflastersteinen, bis wir etwas kriegen», sei den Punks «völlig fremd» gewesen.

Rams: «Es hat die kaputten Scheiben gebraucht»

Selbst der Ruf nach Freiräumen für eine eigenständige Jugendkultur sei, so Dietrich, nicht aus der Punk-Bewegung gekommen. «Wir haben uns den Freiraum selbst geschaffen», sagt er. «Ich war jedenfalls nie an den Demos und habe nie Pflastersteine geworfen.» Dietrich ist sogar überzeugt, dass die 80er-Bewegung die kreative Zürcher Punk-Szene in ein schlechtes Licht rückte – und dazu beigetragen habe, ihr den Todesstoss zu versetzen.

Doch diese Sicht teilen nicht alle.

Dietrichs Weggefährte bei den Nasal Boys, Rams, sieht keinen grundsätzlichen Widerspruch darin, Punk und Teil der Bewegung zu sein. «Es hat die kaputten Scheiben gebraucht», ist Rams bis heute überzeugt. «Ohne Krawall wäre die Rote Fabrik heute ein Lager des Opernhauses.»

Zwei Vorstellungen von Punk prallen aufeinander. Hier die radikale individuelle Haltung, dort Punk als Teil einer breiteren Gegenkultur, die ihre Ansprüche politisch anmeldete. Dieselben Orte, dieselben Konzerte – und doch sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Punk sein sollte. Aus «No Future» war plötzlich eine konkrete Forderung an die Gegenwart geworden, die bis heute anhält.

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