John Coltrane stand vor dem Abgrund. Heroin und Alkohol hatten seine Karriere 1957 fast zerstört und Miles Davis warf ihn aus seiner Band. Wenige Monate später begann eine der erstaunlichsten künstlerischen Metamorphosen der Musikgeschichte. Der Tiefpunkt wurde zum Wendepunkt.
Coltrane selbst war sich bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Er zog sich zurück und schaffte den kalten Entzug – also ohne medizinische Begleitung. Der Musiker selbst bezeichnete den Entzug als eine spirituelle Erweckung, die ihn zu einem «reicheren, erfüllteren und produktiveren Leben» geführt habe. Vor allem begann eine Phase von unfassbarem Schaffensdrang.
Schon zuvor gehörte er, zusammen mit Sonny Rollins, zu den hoffnungsvollsten und besten Saxofonisten. In der relativ kurzen Zeit bis zu seinem Tod am 17. Juli 1967 entwickelte er sich zu einer Leitfigur des zeitgenössischen Jazz, zu einem der einflussreichsten Musikern des 20. Jahrhunderts mit einer Bedeutung, die bis heute weit über den Jazz hinausreicht.
Als Saxofonist auf dem Tenor und Sopran erreichte er einen neuen Grad an Virtuosität und erweiterte die Klangsprache, wie sie kaum für möglich gehalten wurde. Er beeinflusste damit bis heute Generationen von Saxofonisten. Virtuosen wie Michael Brecker, Branford Marsalis, Joshua Redman, Chris Potter und Kamasi Washington wären ohne Coltrane nicht denkbar gewesen.
Motor der musikalischen Erneuerung
Aber noch viel entscheidender war sein Einfluss als Erneuerer und Innovator. Ende der 1950er-Jahre befand sich der Jazz in einer Phase des tiefgreifenden Umbruchs. Die afroamerikanische Musik, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New Orleans entstanden war, entwickelte sich in rasantem Tempo von einer Tanz- und Unterhaltungsmusik zu einer harmonisch hochkomplexen Kunstform, die zunehmend die Konzertsäle eroberte.
Jazz war schon immer die Kunstform der Erfindung. Aber wie sollte es weitergehen? In welche Richtung sollte sich die improvisierte Musik bewegen? Selbst die besten und einfallsreichsten Instrumentalisten empfanden die traditionelle Funktionsharmonik zunehmend als einengend. Musiker wie Ornette Coleman, Charles Mingus, Miles Davis, Thelonious Monk und Coltrane begannen sich von diesem Korsett zu lösen oder suchten nach Wegen, das Tonmaterial zu erweitern. In der Jazzgeschichte begann eine Phase, die von Forschergeist geprägt war mit Coltrane als Motor der musikalischen Erneuerung.
Seine erste Station auf diesem Weg war Thelonious Monk. Der exzentrische Pianist führte Coltrane in eine Welt ungewöhnlicher Akkordverbindungen und kühner harmonischer Möglichkeiten ein. Monks eigenwillige Kompositionen zwangen den jungen Saxophonisten, vertraute Pfade zu verlassen, seine Improvisationen neu zu denken und Schritt für Schritt eine unverwechselbare musikalische Sprache zu entwickeln. Rückblickend sagte Coltrane, niemand habe ihn mehr über Musik gelehrt als Monk.
Modaler Jazz und spirituelles Suchen
1959 kehrte der «cleane» Coltrane in das neu formierte Sextett von Miles Davis zurück. Gemeinsam nahmen sie das epochale Album «Kind of Blue» auf, das den modalen Jazz endgültig etablierte. Anstelle komplexer Akkordfolgen bildeten nun Tonleitern und Modi das Fundament der Improvisation – ein Befreiungsschlag, der den Solisten ungeahnte Freiheiten eröffnete. Kurz darauf gründete Coltrane sein eigenes, Quartett mit McCoy Tyner, Elvin Jones und Jimmy Garrison und führte diesen modalen Ansatz mit beispielloser Konsequenz weiter. Auf Alben wie «My Favorite Things» und «A Love Supreme» lotete die Band die Möglichkeiten der modalen Spielweise bis an ihre Grenzen aus - und darüber hinaus.
Mit «A Love Supreme» wurde Improvisation zu einer Form des spirituellen Suchens, die Coltrane über die traditionellen harmonischen Strukturen hinausführte. Seine Musik wurde zu einem unmittelbaren Ausdruck des Inneren – zur freien Improvisation von unglaublicher Intensität. Mantraartige Wiederholung, emotionale Übersteigerung und Ekstase werden zum Ausdruck der Suche nach Transzendenz.
Gleichzeitig öffnete er sich gegenüber anderen Religionen und Kulturen und trug entscheidend dazu bei, dass sich viele Musiker aus Jazz und Rock mit aussereuropäischen musikalischen Konzepten befassten: Pharoah Sanders, Don Cherry, Carlos Santana, John McLaughlin.
Einfluss auf Rock-Gitarristen
Überhaupt ist Coltranes Einfluss auf Rock und Pop grösser als man zunächst annehmen könnte. Bob Dylan war einer der Ersten, der den Einfluss von Coltrane betonte. Offensichtlicher ist, dass er Generationen von Rock- und Jazz-Rock-Gitarristen prägte, die weniger seinen Sound als vielmehr seine musikalische Haltung übernahmen. Am deutlichsten zeigt sich das bei Jimi Hendrix. Wie Coltrane suchte er nach immer neuen Klangfarben und steigerte seine Musik bis an die Grenzen der Form.
Carlos Santana liess sich von Coltranes Spiritualität inspirieren, Frank Zappa von seinem radikalen Verständnis musikalischer Freiheit. Virtuosen wie Joe Satriani, Steve Vai oder John Petrucci (Dream Theater) wiederum bewundern seine technische Brillanz und die Kühnheit seiner Improvisationen. Als wohl bedeutendster Übersetzer von Coltranes Ideen auf die Gitarre gilt aber Allan Holdsworth. Er erklärte mehrfach, sein Ziel sei es gewesen, auf der Gitarre so frei und fliessend zu improvisieren, wie Coltrane auf dem Saxofon.
Auch Jahrzehnte nach seinem Tod wirkt Coltranes Denken in überraschenden musikalischen Zusammenhängen nach. In den Klangwelten von Electronica-Musikern wie Flying Lotus und Floating Points. Was sie verbindet, ist die Offenheit gegenüber neuen Klangwelten, die Bereitschaft, Genregrenzen zu überschreiten sowie der Glaube, dass Musik ein Raum für Entdeckung, Freiheit und Transzendenz sein soll.
Referenz für Kreativität, Innovation und Forschergeist
In einer Zeit, in der viele Künstler Genregrenzen überschreiten und Musik als Ausdruck persönlicher Identität verstehen, wirkt Coltranes Werk erstaunlich aktuell. Seine Musik verbindet höchste technische Meisterschaft mit emotionaler Tiefe und dem Mut, unbekannte Wege zu beschreiten.
Fast 60 Jahre nach seinem Tod ist John Coltrane deshalb nicht nur eine historische Jazzfigur, sondern eine lebendige Referenz für Kreativität, Innovation und Forschergeist. Seine Musik hat den Jazz verändert – und zugleich gezeigt, dass Improvisation mehr sein kann als Virtuosität: eine Suche nach Freiheit, Erkenntnis und Transzendenz. Coltrane hinterliess kein abgeschlossenes Werk, sondern eine Haltung: Musik als lebenslange Suche. Hundert Jahre nach seiner Geburt inspiriert diese Suche noch immer Musikerinnen und Musiker weit über den Jazz hinaus.

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