Urner Kantonalfest: Wer schwach schwingt, muss aufräumen

SPORT ⋅ Steht ein Wettkampf an, baut der veranstaltende Klub das Areal auf. Das ist auch vor dem Urner Kantonalfest in Bürglen so. Aufräumen müssen am Sonntagabend aber nur diejenigen, die nicht so erfolgreich waren.

11. Mai 2019, 17:39

Claudio Zanini

Claudio Zanini

Es ist kurz vor 17 Uhr und knapp über 0 Grad, als aus den Lautsprechern die Hiobsbotschaft ertönt: «Alle Schwinger, die den Kranz nicht gewonnen haben, werden gebeten, sich nach dem Schlussgang zum Abbau zu besammeln!» So geschehen am letzten Sonntag in Rotkreuz. Der veranstaltende Schwingklub Cham-Ennetsee bat am Zuger Kantonalen seine nicht so erfolgreichen Schwinger, aufzuräumen. Man stelle sich vor: Bei einem Athleten fehlte ein Viertelpunkt zum Festzelt – denn dort halten sich die Kranzgewinner nach dem Anlass vorzugsweise auf.

Bekanntermassen hat der Schwingsport seine Eigenheiten, dies ist eine davon. So eigentümlich es für Aussenstehende klingen mag, so unspektakulär erleben das die Schwinger. Auf- und Abbauen gehört zur Sportart. Andi Imhof, seit Jahren der stärkste Urner Schwinger und Mitglied des Schwingklubs Bürglen, sagt: «Dass die Kranzgewinner in die Festwirtschaft dürfen und nicht aufräumen müssen, ist völlig normal, die haben sich das verdient.» Imhof hat praktisch die ganze Woche frei genommen, um auf dem Sportplatz in Bürglen bis am Sonntag alles herzurichten. Bürglen hat den grössten Schwingklub des Kantons, das heisst, auch am meisten Manpower um ein Fest zu stemmen. Imhof sagt, es wäre toll, wenn sein Klub am Sonntag fünf Kränze gewinnen würde. Das Ziel ist hoch gegriffen, das weiss er. Und es wären fünf starke Männer weniger, die helfen könnten abzubauen.

Am vergangenen Sonntag in Rotkreuz gewann die Urner Mannschaft vier Kränze. Das ist eine gute Ausbeute auf fremdem Boden. Besonders bemerkenswert war die Leistung von Imhof selbst. Der Turnerschwinger wird in diesem Jahr 35 Jahre alt. In zivilen Kleidern würden Laien den 120-Kilo-Mann nicht als Spitzenschwinger identifizieren. Doch das gerät in Vergessenheit, sobald Imhof im Sägemehl steht. Schnellkraft und Spritzigkeit sind nach wie vor da, dazu kommt ein Wettkampfwille, wie ihn die wenigsten haben. Das zeigte sich am Zuger Kantonalen im sechsten Gang, als Imhof den nicht minder erfahrenen Eidgenossen Andreas Ulrich bodigte und auf den zweiten Schlussrang hochschoss. Er sagt: «Mit meiner Leistung war ich zufrieden. Auch wenn ich mich im ersten Gang gegen Pirmin Reichmuth schwertat.»

Die ganze Elite kommt nach Bürglen

Nach dem Saisonhöhepunkt, dem Eidgenössischen in Zug, ist zu erwarten, dass einige Innerschweizer Routiniers ihre Laufbahn beenden. Auch Andi Imhof wäre ein Kandidat. Er sagt dazu: «Das Eidgenössische ist mein grosses Ziel, darauf will ich mich optimal vorbereiten. Doch es wird sicher nicht mein letztes Fest sein.» Eine nicht ganz eindeutige Antwort, zumal nach dem Eidgenössischen noch bis in den Herbst hinein kleinere Feste stattfinden. Sollte Imhof zurücktreten, droht den Urnern ein grösseres Vakuum. Seit Jahren ist er ihr einziger potenzieller Festsieger. Das wird auch am Sonntag nicht anders sein. Es gibt Schwinger wie Stefan Arnold (27 Kränze) oder Matthias Herger (17 Kränze), die vorne mitschwingen können, ihre Chancen auf einen Sieg sind aber schwindend klein.

Doch auch für Imhof, den fünffachen Kranzfestsieger, wird es schwierig. Denn das Urner Kantonalschwingfest ist äusserst gut besetzt. Praktisch die ganze Elite der Zentralschweiz kommt nach Bürglen. 12 Eidgenossen sind gemeldet, dazu die beiden stärksten Teilverbandskranzer der Innerschweiz. Der OK-Präsident Hansueli Gisler findet das «schlicht fantastisch.» Attraktiv ist das allemal, doch die Einheimischen sind gewarnt. Denn das Ziel ist, dass am Ende möglichst viele Urner in der Festwirtschaft sitzen – und nicht aufräumen müssen.

Urner Kantonales
Sportplatz Loch in Bürglen. Programm, Sonntag. 7.30: Anschwingen. – 10.00: Sonntagsstille. – 10.35: 3. Gang. – 11.45: Mittagspause. – 13.00: 4. und 5. Gang. – 15.30: Festakt. – 16.00: 6. Gang. – 17.00: Schlussgang.
Sieger der letzten Jahre: Joel Wicki (2018), Sven Schurtenberger (2017), Lutz Scheuber (2016), Benji von Ah (2015, 2013, 2012).
Spitzenpaarungen, 1. Gang: Pirmin Reichmuth – Joel Wicki. Andi Imhof – Sven Schurtenberger. Christian Schuler – Marcel Bieri. Benji von Ah – Mike Müllestein. René Suppiger – Andreas Ulrich. Erich Fankhauser – Reto Nötzli. Alex Schuler – Marcel Mathis. Matthias Herger – Samuel Schaffner. Lutz Scheuber – Reto Gloggner.



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