Leserbrief

Zur Abstimmung

Zur Abstimmung über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» vom 14. Juni

Es ist schon fabulös, wie sich die Gegner der Nachhaltigkeitsinitiative als Propheten des Schweiz-Untergangs hervortun – mit todsicheren Aussagen über das einzig und allein Unsichere im menschlichen Leben, nämlich die Zukunft: Gastgewerbe kaputt, Berggebiete zerstört, Renten gefährdet und so weiter.

Ihr Alarmismus ist so grenzenlos wie die Zuwanderung. Und ihr Tunnelblick zeigt sich in Realitäten wie jener im Gesundheitswesen. Die Problematik in der Pflege zeigt sich europaweit. Die Schweiz lockt mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen Fachpersonal vorwiegend aus Deutschland an. Dort versucht man, dem Notstand mit Anwerbungen vorwiegend in Polen zu begegnen. Dort wiederum sucht man Fachleute aus Balkanländern. In der Schweiz kommen auf 1000 Einwohner 17 Pflegekräfte, in Deutschland 13, in Bosnien 6. Es ist eine Kaskade, an deren Ende wir lachen und die anderen weinen.

Das lässt fragen: Gibt es denn keine andere Lösung, als weiterzudrehen an der helvetischen Schraube von Wohlstand und Komfort zulasten anderer? Ist es wirklich so, dass sich niemand der ungehemmten Ausdehnung unserer Lebenswünsche und einem reibungslosen Dasein entgegenstellen soll – ein Verhalten, das man aus der Psychologie des verwöhnten Kindes kennt? Die Gegner wollen uns unerschöpfliches Wachstum glauben machen, so gewiss wie der Sonnenaufgang, aber sie verschweigen den Preis hierfür, sichtbar in überfüllten Zügen, Strassen, aber auch Psychiatrien, Gefängnissen. Der absurde Seelenzustand, den sie durch ihren Alarmismus verraten, zeigt auf, dass sie nichts so sehr beschäftigt wie ihr Wohlbefinden, und zugleich arbeiten sie den Ursachen dieses Wohlbefindens entgegen, die nicht auf Forderungen und Rechten gründen, sondern auf Mühen, Umsicht und Vernunft unserer Vorfahren.

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