Mit der Individualbesteuerung sei die Heiratsstrafe abgeschafft und nun alles gut. Jede Person bezahlt Steuern entsprechend ihrem individuell erzielten Einkommen. Doch so einfach ist das Leben nicht.
Kinder brauchen Betreuung, Zuwendung und vor allem Zeit! Gerade in den ersten Lebensjahren sind sie auf die Präsenz ihrer Eltern angewiesen. Ich nenne diese intensive Familienphase gerne die «Rushhour of Life». Mit der Individualbesteuerung sollen die Erwerbsanreize für Zweiverdienerehepaare verbessert werden. Doch haben wir nicht auch eine soziale Verantwortung gegenüber der nächsten Generation?
Als Hebamme erlebe ich immer wieder, dass nach der Geburt eines Kindes ein Elternteil sein Arbeitspensum reduziert und einen grossen Teil der Betreuung übernimmt. Diese Arbeit ist unbezahlt, aber keineswegs wertlos. Wer auf Einkommen, Altersvorsorge und finanzielle Unabhängigkeit verzichtet, investiert stattdessen Zeit in die eigenen Kinder und damit in unsere Zukunft.
Die einseitige Förderung von Zweiverdienermodellen bereitet mir deshalb Sorgen. Nicht jede Familie kann oder will dieses Modell leben. Unregelmässige Arbeitszeiten oder Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf können eine zusätzliche Erwerbstätigkeit erschweren oder gar verunmöglichen.
Familien brauchen Rahmenbedingungen, die unterschiedliche Lebensmodelle anerkennen und wertschätzen. Sie brauchen Freiraum statt zusätzlichen Druck. Jede Familie soll selbst entscheiden können, wie sie Erwerbs- und Betreuungsarbeit aufteilt, ohne dafür finanziell benachteiligt oder gesellschaftlich abgewertet zu werden. Es geht nicht nur um Steuergerechtigkeit zwischen Einzelpersonen, sondern auch um die Anerkennung von Familienarbeit und den Schutz unserer nächsten Generation. Deshalb empfehle ich ein überzeugtes Ja zur Fairness-Initiative.
