Leserbrief

Selbstversorgung mit Augenmass

Zur Abstimmung über die Ernährungsinitiative vom 27. September

Mehr Versorgungssicherheit, sauberes Trinkwasser und eine starke Schweizer Landwirtschaft – dagegen hat wohl kaum jemand etwas. Die Ernährungsinitiative klingt deshalb zunächst sympathisch. Doch entscheidend ist, was sie konkret verlangt.

Innert zehn Jahren soll der Netto-Selbstversorgungsgrad auf mindestens 70 Prozent steigen. Heute liegt er bei rund 45 Prozent. Dafür müssten Produktion und Konsum deutlich verändert werden: mehr pflanzliche Lebensmittel, weniger Fleisch, Milch und Eier. Doch passt das überhaupt zu unserem Land? Rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz eignen sich nicht für den Ackerbau. Auf vielen dieser Flächen wächst Gras – und genau dort sorgen Kühe, Schafe und Ziegen dafür, dass überhaupt Lebensmittel produziert werden können.

Auch ein Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent macht die Schweiz nicht automatisch krisenfest. Unsere Landwirtschaft ist weiterhin auf importierte Produktionsmittel wie Dünger oder Saatgut angewiesen. Hinzu kommt der enorme Zeitdruck. Innerhalb von nur zehn Jahren wären weitreichende Veränderungen nötig. Landwirtschaftliche Betriebe müssten sich neu ausrichten, bestehende Investitionen könnten an Wert verlieren, und der Staat müsste zusätzliche Unterstützung leisten.

Versorgungssicherheit ist wichtig. Aber sie entsteht nicht durch starre Vorgaben und staatliche Lenkung unserer Ernährung. National- und Ständerat lehnten die Initiative ohne eine einzige Ja-Stimme ab. Das sollte zu denken geben. Darum: Nein zur Ernährungsinitiative. Für eine vielfältige Schweizer Landwirtschaft, mehr Eigenproduktion mit Augenmass – und für die Freiheit auf unserem Teller.

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