Leserbrief

Reizüberflutet im Klassenzimmer

Zum Artikel «Werden Hochsensible genug berücksichtigt?» vom 26. August

Der Vorstoss der Mitte ist ein notwendiger Schritt. Wenn tatsächlich 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung als hochsensibel gelten, dann betrifft das auch viele Kinder im Schulzimmer. Sie geraten im heutigen Schulalltag schnell an ihre Grenzen: zu viel Lärm, zu viele Wechsel, zu viele gleichzeitige Reize. Wer feiner wahrnimmt, wird im Dauertrubel nicht «empfindlich», sondern schlicht überflutet. Das Problem liegt nicht bei den Kindern, sondern bei einem System, das Unruhe produziert und dann überrascht ist, wenn manche daran zerbrechen.

Gerade deshalb brauchen hochsensible Kinder ruhige und klar geführte Lehrformen. Unterricht, der nicht ständig zwischen Gruppenarbeit, Stationen, Projekten und «Inputs» springt, sondern eine verlässliche Linie bietet. Lehrpersonen, die in ihrer Aus- und Weiterbildung erfahren, wie Reizüberlastung entsteht und wie man sie verhindert. Und Räume, die nicht wie pädagogische Jahrmärkte wirken, sondern Orientierung geben: ruhige Lernumgebung, ritualisierte Abläufe, klare Strukturen und Verlässlichkeit.

Doch bei aller berechtigten Aufmerksamkeit für Hochsensibilität darf man eines nicht übersehen: Die Volksschule leidet nicht an zu wenig Etiketten, sondern an zu vielen. Jede neue Kategorie, ob Hochsensibilität, ADHS oder Teilleistungsstörung, landet letztlich bei Lehrpersonen, die ohnehin schon am Limit arbeiten. Wer wirklich helfen will, stärkt nicht die Begriffe, sondern die Rahmenbedingungen: kleinere Klassen, weniger Lärm, mehr Ruhe, mehr Zeit.

Hochsensible Kinder brauchen nicht mehr Betreuung, sondern weniger Chaos, mehr Rücksichtnahme und Verständnis. Eine Schule, die das versteht, wird ruhiger, menschlicher und wirksamer. Und ja: Wer die Hochsensiblen stärkt, stärkt die Schule insgesamt.