Leserbrief

Politische Blindheit

Zum Leserbrief «Selbstbetrug» vom 19. August

SVP-Kantonsrat Fredy Prachoinig glaubt, nur die neutrale Schweiz hätte nach Hitlers Angriff auf Polen, England, Frankreich und die neutralen Beneluxstaaten überlebt, denn sie habe Deutschland nicht sanktioniert. Und: Grossmächte hätten die Schweiz erpresst, die EU-Sanktionen gegen die Russische Föderation mitzutragen. Deshalb wolle das Ja-Komitee den Neutralitätsbegriff in der Bundesverfassung festschreiben. Einiges an diesen Behauptungen widerspricht den Realitäten.

Die Schweiz wurde von Hitler vor allem deshalb nicht angegriffen, weil er seine Truppen ab 1940 für den Krieg gegen England und die UdSSR, ab 1943 gegen die alliierten Streitkräfte einsetzte. Für Mussolini diente die Schweiz als Pufferstaat gegen Hitlers territoriale Ambitionen.

Die Schweiz ritzte ihre Neutralität im Zweiten Weltkrieg: Sie lieferte Kriegsmaterial an Deutschland im Wert von 600 Millionen Franken, an Italien für 150 Millionen Franken! Die Schweizerische Nationalbank erwarb von der Deutschen Reichsbank Raub- und Opfergold im Wert von 1,2 Milliarden Franken. Mit diesem Geld erstand das Naziregime in der Schweiz unter anderem Munition und Flakgeschütze.

Mit der Übernahme der EU-Sanktionen gegen die Russische Föderation erschwert die Schweiz die Finanzierung von Putins völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen die Ukraine – zu Recht empörten sich viele Menschen über Putins Verbrechen! Die neutralitätsrechtlich konformen Sanktionen richten sich unter anderem gegen russische Oligarchenvermögen und Ölgeschäfte in der Schweiz. Die SVP-Neutralitätsinitiative hingegen erlaubt die Mitfinanzierung von Putins Krieg durch die Schweiz; unser Land dürfte viele Sanktionen gegen kriegsführende Staaten nicht mittragen. Dies nicht zu sehen wäre politische Blindheit! Deshalb ein klares Nein zur SVP-Neutralitätsinitiative.