Leserbrief

Pisa beschönigt, die Schule verliert

Zum Artikel «Grosse Sorge trotz guter Noten» vom 9. September

Die Schweiz liegt bei Pisa noch über dem OECD-Durchschnitt. Das wird gerne als Erfolg verkauft. Tatsächlich zeigen die Resultate nach unten: Lesen und Mathematik verlieren seit Jahren an Boden. Sprachdefizite und Herkunft dienen allzu oft als bequemes Alibi: Entscheidend ist, was täglich im Schulzimmer passiert.

Ein Blick auf erfolgreiche Bildungsnationen wie Singapur oder Japan genügt. Sie setzen auf schlanke Lehrpläne, klare Lernziele, gut geführten Unterricht sowie konsequentes Üben und Festigen. Dort hat die Lehrperson die Führung im Klassenzimmer. Lernen entsteht durch strukturierten Unterricht, nicht durch pädagogische Modetrends.

In der Schweiz dagegen ist der Lehrplan 21 zu einem kaum mehr überschaubaren Kompetenzdschungel angewachsen. Gleichzeitig werden Lehrpersonen von Schulleitungen mit Schulentwicklungsprojekten, Sitzungen, Evaluationen und Konzepten eingedeckt. Die Folge: Für Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen und die individuelle Förderung bleibt immer weniger Zeit. Die Schule beschäftigt sich zunehmend mit sich selbst.

Auch die Pädagogischen Hochschulen sollten sich fragen, weshalb sie unablässig neue Konzepte produzieren, während die Kernkompetenzen erkennbar schwinden. Erfolgreiche Länder vertrauen ihren Lehrpersonen. Bei uns vertraut man lieber auf Schulentwicklung, Prozessmanagement und Kompetenzlyrik. Kinder lernen jedoch nicht besser, weil Erwachsene mehr Sitzungen abhalten.

Die Schweiz braucht keine weiteren Reformen, sondern weniger Bildungsbürokratie, weniger Projekte und einen radikal entschlackten Lehrplan. Vor allem aber braucht sie wieder starke Lehrpersonen, die effizient unterrichten können und dürfen. Erst wenn Unterricht wieder wichtiger wird als Schulentwicklung, wird auch die Lernkurve wieder ansteigen.