Leserbrief

Pädagogische Romantik statt Evidenz

Zum Gastbeitrag «Das ist der Unterricht, der Kinder weiterbringt» vom 12. Juni

Der gefeierte Ausstieg aus dem «Gleichtakt-Unterricht» ist pädagogische Esoterik. Die Autorin zeichnet eine Karikatur der Schule, die der modernen Unterrichtsforschung widerspricht. Studien zeigen klar, dass ein sorgfältig aufgebauter, rhythmisierter Unterricht, dialogisches Lernen im Plenum und direkte Instruktionen durch die Lehrperson zu den wirksamsten Lernformen gehören. Das soll nun durch Arbeitsblattregale und Lernprogramme ersetzt werden. Ein Vorschlag, der eher an pädagogische Fantasie und Romantik erinnert als an evidenzbasierte Praxis.

Ein Rückschritt, verpackt als Reform. Die propagierte «Lernlandschaft» gleicht einem Selbstbedienungsbuffet. Doch Selbststeuerung ist keine Zauberkraft, sondern eine der anspruchsvollsten menschlichen Fähigkeiten. Höchstens zehn Prozent der Kinder lernen erfolgreich selbstgesteuert. Die Normalbegabten und Leistungsschwachen bleiben bei diesem Experiment oft orientierungslos auf der Strecke. Schüler so allein zu lassen, ist keine Reform, sondern Realitätsverweigerung.

Besonders absurd ist die Behauptung, Verhaltensstörungen würden in solchen Systemen verschwinden. Sie verschwinden nicht. Sie werden nur unsichtbar, schwelen oft unbemerkt und unbehandelt weiter und brechen später aus. Unsichtbarkeit ist kein Therapieerfolg. Auch der Versuch, Konkurrenz abzuschaffen, scheitert. Kinder vergleichen sich immer. Das ist ein völlig normales, tief verankertes menschliches Verhalten. In geführten Klassen wird dieser Vergleich professionell begleitet; in individualisierten Lerninseln bleibt er unkontrolliert und verletzender.

Fazit: Der Artikel ersetzt Evidenz durch pädagogische Träumerei. Gute Schule braucht Struktur, Klarheit, Dialog und Beziehung zu starken Lehrerpersönlichkeiten und keine Selbstlernillusion.

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