Der Nachteilsausgleich ist eine sinnvolle Errungenschaft, sofern er dort eingesetzt wird, wo eine klar ausgewiesene Beeinträchtigung vorliegt. Doch die Praxis zeigt eine Schieflage, die man nicht länger schönreden sollte: Während die Lernzielreduktion für viele Kinder aus weniger privilegierten Familien einem schulischen Malus gleichkommt, wird der Nachteilsausgleich zunehmend zum stillen Bonus für jene, die diagnostische Türen leichter öffnen können.
So entsteht ein ungutes Bild: Die einen tragen eine sichtbare Einschränkung im Zeugnis, die anderen profitieren von unsichtbaren Erleichterungen, die offiziell «keinen Einfluss» haben sollen. Wer die richtigen Gutachten hat, erhält Unterstützung. Wer sie nicht hat, erhält reduzierte Erwartungen und damit reduzierte Perspektiven.
Besonders stossend ist, dass Kinder mit denselben Schwierigkeiten unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, ob jemand eine Diagnose vorweisen kann oder nicht. Das ist kein Ausgleich, sondern eine soziale Verzerrung, die das System selbst produziert.
Der Nachteilsausgleich soll Chancen öffnen, die Lernzielreduktion markiert Grenzen. Doch derzeit öffnen sich die Türen vor allem dort, wo Eltern die richtigen Wege kennen, und schliessen sich dort, wo sie es nicht tun. Ein Schulsystem, das solche Unterschiede zulässt, verliert nicht nur an Glaubwürdigkeit, es verfehlt seinen Auftrag genau dort, wo er am wichtigsten wäre: bei den Kindern, die keine Lobby haben.
