Leserbrief

Mehr Hochschule, bessere Lehrer?

Zum Artikel «‹Ohne Vertrauen geht die Schule kaputt›» vom 19. Oktober

Franco Supino beklagt zu Recht den Kontrollwahn an unseren Schulen. Alles wird dokumentiert, evaluiert und abgesichert. Nur bei der Lehrerbildung wird er erstaunlich zahm. Deren «stärkere Wissenschaftlichkeit» sei ein Fortschritt. Wirklich?

Die früheren Lehrerseminare hatten ihre Macken. Aber sie wussten, wofür sie da waren. Sie bildeten Lehrer fürs Schulzimmer aus. Unterrichten war ein Handwerk, das man lernen musste.

Heute heisst das Pädagogische Hochschule. Es wird geforscht, reflektiert und professionalisiert. Kompetenzmodelle und Konzepte gedeihen prächtig. Nur eine unakademische Frage stört: Können die Absolventen deshalb besser unterrichten?

Auch Supinos Vergleich mit der Medizin hinkt. Ein Kind ist kein Patient, eine Klasse kein Labor und ein Kompetenzraster kein Blutbild. Pädagogik wird nicht dadurch zur exakten Wissenschaft, indem man ihr genügend Fachbegriffe verpasst.

Supino sagt selbst: Schöne Theorien und tätiges Tun seien zwei verschiedene Ebenen. Genau. Vielleicht hat die Lehrerbildung das Reden über Unterricht perfektioniert und dabei das Unterrichten aus den Augen verloren.

Darum mein Weiterbildungsvorschlag für PH-Dozenten: ein Jahr zurück ins Schulzimmer. 25 Kinder, Montagmorgen, Mathematik. Während man die Division erklärt, meldet sich Maya unter Tränen: «Frau Müller, mein Gummi ist verschwunden!» Im selben Moment versucht hinten jemand, einen Spitzer in die Steckdose zu stecken. Aus der geplanten Mathematiklektion werden gleichzeitig eine Suchaktion, eine Krisensitzung und eine Sicherheitsübung.

Wer danach noch souverän unterrichtet, darf wieder über guten Unterricht dozieren.