Leserbrief

Kein Krieg?

Zur Abstimmung über die Neutralitätsinitiative vom 27. September

Bemerkenswert, wie sich die blonde Dame im russischen Aussenministerium für die Initiative «Kein Krieg» einsetzt. Na ja, schliesslich war ein Namensvetter von ihr Friedensnobelpreisträger. Und Russland führt keinen Krieg, höchstens eine kleine Spezialoperation.

Wenn die Schweiz, ganz im Sinne besagter Dame, die Sanktionen gegen Russland aufheben würde, ergäbe sich ein handelspolitisches (und vermutlich kurzfristiges!) «Sesam, öffne dich» für unsere Aussenwirtschaft. Frau Martullo könnte sich umgehend in eine klapprige Antonow-Maschine setzen und mit Putin über die Erweiterung ihrer Fabriken in Russland diskutieren. Die Briefkästen russischer Oligarchen in Zug kämen plötzlich wieder ins Glänzen, die Augen des Zuger Finanzdirektors ebenso. Vielleicht liesse sich eine Oligarchenjacht auf dem Aegerisee vor Morgarten verankern? Die letzten Hemmungen würden fallen: Abhörgeräte nach Moskau? Taser nach Tschetschenien? Handschellen nach Belarus? Aber bitte: kein Problem!

Nur: Die USA erheben locker Sanktionen gegen Länder, die ihnen nicht in den Kram passen. Und sie pflegen, gegen Länder, die diese Sanktionen nicht mittragen, recht ruppig vorzugehen – bis zu ebensolchen Sanktionen. Träfe das die Schweiz, könnten unsere Wirtschaftskapitäne zigmal nach Washington pilgern und Trump mit Goldbarren, Basler Läckerli und Uhren zumüllen – es hülfe nichts, beim Donnie wäre die Schweiz unten durch. Wenn dann Europa mitzöge – und das ist ziemlich wahrscheinlich –, stünde unser Land einsam da.

Wie war das mit dem Bankgeheimnis? Die Welt wird sich daran die Zähne ausbeissen, polterte der Finanzminister aus dem Appenzell. Ein Jahr später war das Bankgeheimnis weg. Bescheidenheit und Zusammenarbeit mit den Nachbarn sind meist gescheiter, als sich aufzuplustern und zu poltern.