Der berühmteste Fall von «Dummheit zweiter Ordnung» (Peter R. Hofstätter) ist wohl das Festhalten der römischen Kirche während mehr als 300 Jahren am geozentrischen Weltbild: Erst 1992 rehabilitierte sie den der Häresie bezichtigten Galileo Galilei, der bewies, dass die Erde mit Sonne und Sternen um ein galaktisches Zentrum kreisen.
Mit der Erkenntnis jedes Irrtums erwacht auch das Gewissen. Am Irrtum wider besseres Wissen festzuhalten ist der Verstoss, den wir Sünde nennen. Eine bis heute andauernde «Dummheit zweiter Ordnung» ist der Altersirrtum des Kirchenlehrers Augustinus, die sogenannte Prädestinationslehre, dass alles Geschehen vorbestimmt sei. Damit wurde der alttestamentarische Rachegott (Auge um Auge, Zahn um Zahn) indirekt im neutestamentarischen Christentum des Gottes der Liebe (Bergpredigt) durch die Hintertür wieder eingeführt, mit ihm auch der teuflische Zweitgott und der manichäische starke Dualismus von Himmel und Hölle.
Die Macht der Lehre von den beiden Staaten des Guten und des Bösen (Augustinus: De civitate dei), der (Höllen-)Angst und ihrer Bewirtschaftung ist auch der massenpsychologische Hintergrund des Ukrainekrieges, der sogar viele Drittstaaten zu erschüttern vermag – auch die Schweiz und ihre Exekutive, welche die in der Verfassung verankerte politische Neutralität eigenmächtig und nach Brüssel schielend in den Abfalleimer der Geschichte warf. Wo bleibt der mediale Aufschrei über diese «Dummheit erster Ordnung», dieser Weichenstellung in den Abgrund des Krieges?

