Leserbrief

Hitzetote und Neutralität

Zur Abstimmung über die Neutralitätsinitiative vom 27. September

Napoleon zog mit rund 600’000 Soldaten zu Fuss Richtung Moskau, um den Russen zu zeigen, wie der gallische Hahn kräht. Die Schweizer Verwalter von Napoleons Gnaden mussten Tausende Soldaten zwangsrekrutieren. Mit Rabauken und kampffähigen Gefängnisinsassen wurde das Soll erfüllt. Siegessicher glaubte Napoleon, Zar Alexander I. werde rasch um Frieden bitten. Die Gewaltmärsche bei 36 Grad (!) forderten Tribut. Am 28. Juli 1812 erreichten noch 400’000 Soldaten Witebsk (im heutigen Belarus). Ohne eine Schlacht geschlagen zu haben, waren bereits wegen Hitze, Erschöpfung und Dehydrierung 200’000 Soldaten ausgefallen.

Die unendlichen Weiten Russlands und die russische Taktik zermürbten Napoleon. Die Russen zogen sich zurück und warteten auf den Winter. Napoleon verrechnete sich, und zu spät trat er den Rückzug an. Der russische Winter mit minus 25 Grad und die nachrückende russische Armee gaben der Grande Armée den Rest. Nur zirka 800 der rund 9000 zwangsrekrutierten Eidgenossen kamen nach Hause.

«Fremde Mächte» fordern auch heute immer mehr. Genau prüfen und kein vorauseilender Gehorsam. Der tödliche Feldzug Napoleons zu Beginn der Sommerhitze sollte uns heute noch eine Lehre sein. Zar Alexander I. rettete am Wiener Kongress 1815 die Neutralität der Eidgenossen. 1907 festigte das Haager Abkommen die Rechte und Pflichten der neutralen Staaten. Das Dritte Reich verlangte im Zweiten Weltkrieg von der Schweiz, die Gotthardlinie für die Achsenmächte zur Verfügung zu stellen. Trotz Neutralität. Fremde Mächte würden auch in Zukunft die Neutralität verletzen. Ob die Neutralitätsinitiative etwas ändern würde?