Leserbrief

Die Schule verspielt ihr Fundament

Zum Artikel «Firmen wollen weniger Lehrlinge – weil sie zu schlecht lesen» vom 2. September

Dass Unternehmen heute weniger Lernende ausbilden wollen, weil es ihnen an Grundkompetenzen fehlt, ist nicht nur ein Problem der Wirtschaft. Es ist ein Zeugnis dafür, dass in der Schule Wesentliches keinen Platz mehr findet.

Neun Schuljahre sollten ausreichen, um einen Text zu verstehen, einen verständlichen Satz zu schreiben und eine einfache Rechnung zu lösen. Offenbar ist das heute bereits eine ambitionierte Erwartung. Dafür wird reflektiert, dokumentiert und evaluiert, als stünde die halbe Schweiz kurz vor einer Managementkarriere. Nur leider braucht der Maurer auf der Baustelle keinen Workshop über Selbstreflexion, sondern jemanden, der einen Arbeitsauftrag lesen und korrekt umsetzen kann.

Seit Jahren folgt eine Bildungsreform der nächsten. Lernen soll möglichst spielerisch sein, niemanden überfordern und vor allem keinen Druck erzeugen. Dabei scheint vergessen zu gehen, dass Können nicht durch das blosse Behandeln eines Themas entsteht. Lesen lernt man durch Lesen, Rechnen durch Rechnen und Schreiben durch Schreiben. Üben, wiederholen und festigen ist oft mühsam. Genau deshalb wirkt es.

Die Folgen landen nun bei den Lehrbetrieben. Sie müssen zunehmend Defizite auffangen, die längst vorher hätten behoben werden sollen. Und nun fordert die Wirtschaft, Lesen, Schreiben und Rechnen wieder stärker ins Zentrum zu rücken. Man fragt sich unwillkürlich: Waren das nicht einmal die eigentlichen Kernaufgaben der Schule?

Die Lehrpersonen allein tragen nicht die Verantwortung. Viele leisten hervorragende Arbeit. Das Problem liegt vielmehr in einer ideologisch geprägten Bildungspolitik. Lesen, Schreiben und Rechnen sind keine nostalgischen Tugenden. Sie sind das Fundament jeder Ausbildung und jedes Berufs. Die Schule sollte wieder mehr unterrichten, statt zu experimentieren.