Die langen Wartezeiten für ADHS- und Autismus-Abklärungen sind nur die Spitze des Eisbergs. Die eigentliche Frage lautet: Warum werden überhaupt immer mehr Kinder zu Fällen für Psychiatrie, Therapie und Schulpsychologie? Viele Kinder brauchen keine weiteren Abklärungen, Berichte und Förderpläne. Sie brauchen eine Schule mit Struktur, klaren Instruktionen und Leitplanken. Lehrpersonen, die hinsehen, führen und eine tragfähige Beziehung zum Kind aufbauen. Stattdessen setzt man immer stärker auf offene Lehrformen und Selbstorganisation.
Ausgerechnet jene Kinder, die Orientierung am dringendsten brauchen, sollen sich selbst managen und reflektieren. Wenn das nicht funktioniert, folgt die nächste Abklärung. Und danach oft die nächste. Offenbar hofft man, mit genügend Diagnosen jene Probleme zu lösen, die man pädagogisch längst mitverursacht hat. Vielleicht liegt die Störung gar nicht bei den Kindern. Vielleicht liegt sie in einem Schulsystem, das immer mehr Kinder zur Abklärung schickt, sich selbst aber hartnäckig jeder Diagnose verweigert.

