Wir Schweizerinnen und Schweizer sind stolz auf unsere Stabilität, unsere Neutralität, unsere Verlässlichkeit. Zu Recht. Aber haben wir uns dabei in einer gefährlichen Bequemlichkeit eingerichtet?
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben wir – wie der gesamte Westen – verlernt, strategisch zu denken. Die Armee wurde vernachlässigt, Ausrüstung und Munition auf ein fahrlässiges Minimum reduziert. Gleichzeitig dient die Neutralität zunehmend als Begründung für Nichthandeln, statt als aktiv gelebtes Konzept mit echter Abschreckungskraft.
Das Ergebnis: Wenn es um Sicherheitsinvestitionen geht, schlägt die Innenpolitik die Aussenpolitik. Die Schuldenbremse – an sich ein sinnvolles Instrument – wird absolut gesetzt, als ob eine Versicherung dasselbe wäre wie ein Luxuskauf. Dabei ist die Botschaft der Geschichte eindeutig: Gesellschaften, die notwendige Anpassungen zu lange hinauszögern, zahlen am Ende einen weit höheren Preis. Neutralität schützt nur, wenn sie der Aggressor respektiert.
Was wir brauchen, ist keine Aufrüstungshysterie und keine Aufgabe unserer Werte – sondern eine sachliche, faktenbasierte Debatte. Über das, was Neutralität heute wirklich bedeutet. Über Sicherheit als Investition, nicht als Ausgabe. Über Prioritäten im Bundesbudget.
Und hier liegt die eigentliche Chance: Die Schweiz hat eine stolze Tradition als neutraler Vermittler und humanitärer Akteur. Genf steht weltweit für Dialog, für das Rote Kreuz, für den Geist der Verständigung. Diese Rolle ist wertvoll – aber sie ist nicht gratis. Glaubwürdigkeit als Vermittlerin setzt voraus, dass die Schweiz selbstbestimmt und unabhängig handeln kann. Eine Schweiz, die ihre eigene Sicherheit vernachlässigt, verliert genau diese Fähigkeit. Investitionen in die Verteidigung sind deshalb kein Widerspruch zu unserer Friedenstradition – sie sind ihre Grundlage. Diese Debatte wird unbequem sein. Aber Unbequemlichkeit ist der Preis politischer Reife – und ein glaubwürdiger Beitrag zum Frieden ist allemal günstiger als seine Alternative.

