Die Physik-Olympiade bringt auch ein Urner Genie ins Grübeln

URI ⋅ Im Juli nahmen Schweizer Mittelschüler von Bern aus an der Europäischen Physik-Olympiade teil. Der Urner Max Wipfli berichtet über seine Erfahrungen.

12. August 2020, 17:32

Christian Tschümperlin

Christian Tschümperlin

Wer es an die Europäische Physik-Olympiade (Eupho) schafft, dem liegt die Naturwissenschaft wahrscheinlich nicht nur am Herzen, sondern auch in der DNA. Am diesjährigen Wettbewerb nahmen 260 Mittelschüler aus 53 Ländern teil. Der Urner Max Wipfli war einer von ihnen. «Das Verständnis für die Physik liegt bei uns ein wenig in der Familie», sagt der Altdorfer. Dass er aber überhaupt zur Europäischen Physik-Olympiade kam, geht auf eine Initiative seines Physiklehrers am Kollegi zurück: «Dieser hat unsere ganze Klasse an die erste Runde angemeldet und ich kam weiter.»

Nachdem die in Rumänien geplante EuPhO 2020 wegen der Pandemie abgesagt werden musste, stellten Freiwillige aus verschiedenen Ländern, unter anderem aus der Schweiz, eine virtuelle Alternative auf die Beine. Am 21. und 22. Juli fanden zwei fünfstündige Prüfungen statt.

Physik-Fans weichen auf europäische Olympiade aus

Im Normalfall findet parallel zur europäischen Olympiade eine internationale Physik-Olympiade statt. Die besten fünf aus der Schweiz dürfen an die internationale Olympiade und die nächsten fünf treten an der europäischen an. «Die internationale Olympiade wurde dieses Jahr komplett abgesagt. Dafür hatten wir viele Gastteams aus anderen Kontinenten», berichtet Max Wipfli. Die genaue Uhrzeit der Prüfungen war daher je nach Aufenthaltsort unterschiedlich. Trotz der logistischen Herausforderungen ging der Anlass laut den Veranstaltern aber ohne technische Probleme über die Bühne.

Bis auf Leo Thom aus dem Thurgau, der aus der Ferne teilnahm, traf sich das ganze Schweizer Team für zwei Tage in Bern, um die Prüfungen gemeinsam anzutreten. «Wir waren alle zusammen in einem Raum. Schweizer Doktoranden haben uns überwacht und die Doktoranden wurden ihrerseits mittels einer Kamera im Raum von den Organisatoren in Estland überwacht», so Wipfli.

Auf die drei grossen Theorieaufgaben am Montag folgte am Dienstag der praktische Teil. Anders als in vergangenen Jahren wurden jedoch keine Experimente an einem physischen Versuchsaufbau durchgeführt, sondern Computersimulationen. «Die Simulationen waren ein guter Ersatz für die üblichen Experimente, die dieses Jahr leider nicht möglich waren», sagt der 19-Jährige. Anhand der Computersimulationen werteten die Mathe-Talente Daten von hypothetischen Experimenten aus.

Aufgaben waren so schlicht und doch so schwer

Der theoretische Teil erfüllte alle Mathematiker-Klischees: Die drei grossen Aufgaben fanden auf nur einer A4-Seite Platz. Beispiel einer Aufgabe: Eine Schnur ist um einen Zylinder gewickelt. Am einen Ende wurde eine Kugel befestigt, am anderen zieht man mit konstanter Geschwindigkeit. Die Kugel entwickelt Fliehkräfte, ihre Masse ist bekannt. Wie schnell wird die Kugel maximal? «Es ist eine schöne Aufgabe und es war die kürzeste von allen, die man sich am einfachsten vorstellen konnte.»

Max Wipfli hatte mit einer 5,8 die beste Maturanote des Abschlussjahrgangs 2019 erzielt (wir berichteten).

Wenn ihm im «Kollegi Altdorf» Schulaufgaben zum Lösen vorgelegt wurden, habe er oft nach einer halben Sekunde gewusst, wie eine Aufgabe zu lösen sei. Doch die Physik-Olympiade führte auch ihn an seine Limits: «Ich sass da, schaute die Aufgabe an und habe eine halbe Stunde nur studiert.» Die Aufgaben seien bewusst schwierig gehalten, damit nicht alle die maximale Note erzielten.

Für eine Medaille hat es bei Max Wipfli dieses Jahr nicht gereicht. «Ich war etwas eingerostet und wusste nach der Rekrutenschule nicht mehr alle Formeln auswendig», sagt er und lacht. Im Unterschied zu den Schulprüfungen ist als Hilfsmittel bloss ein Taschenrechner erlaubt, kein Formelblatt. Er nimmt es gelassen: «Die Olympiade sollte man nicht zu verbissen sehen, sie soll auch Spass machen.»

In der höheren Mathematik wird's kreativ

Seine Zeit als Durchdiener bei den technikaffinen Funkaufklärern in Jassbach bei Thun möchte Wipfli trotzdem nicht missen. Dort traf er auf alte Bekannte: In derselben RS waren noch vier andere, welche Wipfli von der letztjährigen Physik-Olympiade kannte.

Ob es in der Öffentlichkeit Missverständnisse darüber gäbe, was Physik eigentlich sei? «Ja», sagt Wipfli: Als Schüler sei man es sich gewohnt, Formeln anzuwenden und vom Lehrer gesagt zu bekommen, ob das Ergebnis richtig oder falsch sei. Je komplexer ein Problem aber sei, desto mehr Wege gäbe es zu dessen Lösung. «Mathematische und physikalische Forschung kann sehr kreativ sein.»

An Max Wipflis Berufswunsch hat sich seit seinem ersten Treffen mit der Urner Zeitung an der Maturafeier nichts geändert: Er, der schon als Jugendlicher gerne Computer selber zusammenbaute, beginnt in diesem Sommer sein Studium zum Elektroingenieur an der ETH Zürich. Wohin ihn die Reise später führt, ist noch offen. «Das Studium ist breit und ich nehme es vorneweg, in welchen Unterbereich ich mich einmal vertiefe.» Im Leben gibt es eben, wie bei komplexen Mathematikaufgaben, verschiedene Wege, die ans Ziel führen.


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