
Die Sonne blitzt hinter den Ästen hervor. Die ersten Bäume verlieren ihr Laub, und die rostbraunen Blätter rascheln unter der Schuhsohle. Hier, beim Schwandwald in Walchwil, hat der Spätherbst schon Einzug gehalten – könnte man meinen. Dass die Bäume hier schon Mitte August so aussehen wie sonst im Oktober oder November, hat einen Grund: Sie stehen unter Trockenstress.
«Mich nimmt das mit», sagt Vitus Hürlimann, Förster bei der Korporation Walchwil. Er beobachtet das Leiden der Bäume und weiss, weshalb sie die Blätter vorzeitig abwerfen. «Es ist ein Selbstschutz», erklärt er. «Damit reduzieren sie ihren Wasserverbrauch.» Bereits seit April ist es in der Schweiz überdurchschnittlich trocken. Im Kanton Zug fiel im Juli lediglich ein Drittel der monatsüblichen Regenmenge, das zeigen Daten von MeteoSchweiz.
Buchen leiden besonders
Bei genauerer Betrachtung des Walchwiler Hangs zeigt sich: Nicht alle Baumarten leiden gleich stark. Besonders die Buche mit ihrer gelb und orange gefärbten Krone sticht ins Auge. Hürlimann zufolge ist die Buche die häufigste Laubbaumart im Kanton Zug und gehört gleichzeitig zu jenen Arten, denen die Trockenheit besonders zusetzt. Buchen, so erklärt Hürlimann, hätten vergleichsweise flache Wurzeln. Deshalb können sie tiefer liegende Wasservorräte schlecht erreichen. Gerade bei anhaltender Trockenheit kann das für die Bäume fatal sein.
Besser mit den derzeit extremen Bedingungen kämen etwa Eichen, Linden oder Föhren zurecht. «Das sind sogenannte klimatolerante Arten», so Hürlimann. «Man erkennt sie jetzt gut, da sie noch grösstenteils grün sind.»

Drohnenbilder zeigen das Ausmass
Was sich in Walchwil an einzelnen Baumkronen zeigt, wird aus der Luft über ganze Waldflächen sichtbar. Der Kanton Zug dokumentiert die Trockenheit seit mehreren Jahren mit Drohnenaufnahmen an acht verschiedenen Standorten. Bereits 2018, dem damaligen historischen Trockensommer, wurden ausgewählte Waldflächen fotografiert, darunter auch der Schutzwald oberhalb von Walchwil. Nun sind die Drohnen erneut über diese Bestände geflogen.
Der Direktvergleich zeigt, wie gravierend die Auswirkungen der Trockenheit momentan sind. Zwar war auch 2022 aussergewöhnlich heiss, wie das Klimabulletin von MeteoSchweiz zeigt. Anders als in diesem Jahr brachten Regenfälle im April und Juni jedoch zeitweise Entlastung.
Stadt setzt auf Bewässerung und robustere Arten
Bäume im Siedlungsraum haben es besonders schwer. Ihr Wurzelraum ist oft begrenzt, Asphalt und Gebäude strahlen Hitze ab, zugleich gelangt über versiegelte Flächen weniger Wasser in den Boden.
Wie geht die Stadt Zug damit um? Laut Claudius Berchtold, Leiter öffentliche Anlagen, setze man zunehmend auf trockenheitsverträgliche Baumarten, darunter auch solche aus Süd- und Südosteuropa. In diesem aussergewöhnlich trockenen Jahr werden zudem selbst ältere Bäume mit mehreren hundert Litern Wasser unterstützt.
Ein Beispiel ist die rund 150-jährige Hängebuche am Alpenquai bei der Schiffstation Bahnhofsteg. Hitze, Wind und der sinkende Seespiegel erschweren ihre Wasserversorgung. Viele Blätter verdorren bereits und einzelne Astpartien sterben sogar ab. Die Stadtgärtnerei bewässere den Baum deshalb derzeit wöchentlich. (nar)

Trockenstress hat Langzeitfolgen
Auch Regen beendet die Gefahr für gestresste Bäume nicht zwingend. Länger anhaltende Trockenheit schwächt ihre Abwehrkräfte, wodurch Pilze und Insekten leichter zum zusätzlichen Problem werden. Das habe sich gemäss Hürlimann bereits nach dem Trockensommer 2018 gezeigt. Einige Bäume, darunter vor allem Buchen und Tannen, seien erst zwei oder drei Jahre später an den Folgen der Trockenheit abgestorben.
Für den Förster liegt die Zukunft des Schweizer Waldes deshalb in der Vielfalt. «Mischwälder sind das A und O», sagt Hürlimann. Fällt eine Baumart wegen Trockenheit oder Schädlingen aus, können andere ihren Ausfall teilweise abfedern. Korporation und Kanton fördern deshalb gezielt klimatolerante Baumarten. Einen widerstandsfähigen Wald aufzubauen, braucht allerdings Zeit. Hürlimann schätzt, dass dieser Umbau 50 bis 100 Jahre dauert – mehrere Förstergenerationen.
Trockenstress erhöht die Risiken
Der Trockenstress der Bäume kann auch für Menschen zur Gefahr werden. Stark gestresste Exemplare könnten unvermittelt ganze Äste abwerfen. «Und dies auch bei totaler Windstille», erklärt Hürlimann. Besonders bei Buchen könnten grössere Kronenteile absterben und später herunterbrechen.
Der Wald müsse deshalb aber nicht gemieden werden, betont der Förster. Entlang von Strassen und Wegen kontrollierten er und seine Kollegen abgestorbene und geschwächte Bäume besonders aufmerksam, und gefährliche «Dürrständer» würden bei Bedarf gefällt.
Der fehlende Regen verschärft zudem die Waldbrandgefahr. «Aktuell haben wir Stufe 5, das ist die höchste Warnstufe», so Hürlimann. Deshalb müssten bestehende Feuerverbote konsequent eingehalten werden. Mit zunehmenden Wetterextremen und längeren Trockenperioden steige das Risiko von Waldbränden.

Ausfälle treffen den Schutzwald besonders
Langfristig kann die Trockenheit auch die Schutzfunktion des Waldes beeinträchtigen. Gerade oberhalb von Walchwil ist diese Funktion zentral: Der Schutzwald hilft, das Dorf unter anderem vor Steinschlag, Geröll oder Rutschungen zu schützen. Fallen geschwächte Bäume aus, kann das dort besonders gravierend sein, weshalb Massnahmen wie etwa die Förderung klimatoleranter Arten im Schutzwald besonders wichtig sind.
Doch gerade sollen zusätzliche 25 Millionen Franken des Bundes für die Anpassung der Wälder an den Klimawandel wegfallen, wie die NZZ am Sonntag berichtete. Damit stünden den Kantonen für Massnahmen wie die Förderung klimatoleranter Baumarten, die Waldverjüngung oder das Entfernen kranker und dürrer Bäume weniger Bundesgelder zur Verfügung.
Die allfällige Kürzung beurteilt Martin Ziegler, Leiter des Zuger Amts für Wald und Wild, kritisch. Die Massnahmen müssten möglichst rasch umgesetzt werden. «Und diese Geschwindigkeit hängt wesentlich von den verfügbaren finanziellen Mitteln ab», erklärt er. Für Ziegler zeigt die aktuelle Trockenheit, wie dringend solche Investitionen sind. «Die jetzige Situation ist äusserst besorgniserregend.»
Auch der Waldeigentümerverband «WaldSchweiz» äussert sich in einer Medienmitteilung vom 14. August dazu und fordert die Einberufung eines «Runden Tischs» mit Umweltminister Albert Rösti. Der Verband will unter anderem die Festlegung von mittel- und langfristigen Massnahmen gegen die «besorgniserregende Situation» erreichen.
Viele Bäume dürften wieder austreiben
In trockeneren Regionen, etwa in der Region Basel und den Kantonen Solothurn, Schaffhausen oder Thurgau, dürfte die Buche in den kommenden Jahren zunehmend unter Druck geraten. Im Kanton Zug hingegen sieht der Korporationsförster Vitus Hürlimann für sie weiterhin eine Zukunft. Er geht davon aus, dass die meisten der derzeit rostbraunen Buchen am Walchwiler Schwandwald im kommenden Jahr wieder austreiben.


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