Vom Architekten zum Lehrling in der Klosterschreinerei Engelberg

OBWALDEN ⋅ Julien Donzé hat einen aussergewöhnlichen Werdegang: Nach dem Architekturstudium absolvierte er eine Schreinerlehre.

13. Juli 2020, 17:11

Marion Wannemacher

Marion Wannemacher

Eigentlich ist Julien Donzé ein eher stiller junger Mann. Mit Begeisterung öffnet er die Tür zum Massivholzlager der Klosterschreinerei Engelberg. Er mustert all die aufgeschichteten Bohlen und Bretter, weist auf die Sammlung antiker Türen hin: «Hier entstehen Projekte», sagt er fast ein wenig euphorisch.

Erst vor einigen Tagen hat er seine praktische Prüfung abgelegt. Seine Note weiss er noch gar nicht. Klar ist aber, dass er sicher gut abgeschnitten hat.

Der Sprache wegen nach Obwalden in eine Schreinerei

Der 27-Jährige ist nicht nur vom Alter her kein gewöhnlicher Lehrling. Julien Donzé hat an der EPFL Lausanne Architektur studiert, mit dem Master abgeschlossen und sich danach für eine Schreinerlehre entschieden. Er erzählt:

«Um besser Deutsch zu lernen, wollte ich in die Deutschschweiz.»

Geboren und aufgewachsen ist er in Delémont.

Die Klosterschreinerei als ausbildenden Betrieb hat er mit Bedacht gewählt. Ihm gefällt nicht nur das breite Spektrum an Arbeiten: «Hier machen wir ein bisschen von allem und arbeiten viel mit Massivholz», freut er sich. Vor ein paar Wochen habe man eine komplette Wohnung mit Ulmenholz ausgebaut und alle Möbel selber gebaut, nennt er ein Beispiel. Zur Zeit arbeitet Julien Donzé an der CNC-Maschine. Durch den Einsatz von Steuerungstechnik kann diese Werkstücke mit hoher Präzision auch in komplexer Ausführung automatisch herstellen.

Grosses Lob vom Ausbildner

Unter den üblichen Lehrlingen stach der Akademiker in mehrfacher Hinsicht hervor. «Er hat ein weit entwickeltes Vorstellungsvermögen und auch viele Ideen», sagt sein Ausbildner Andreas Feer. «Julien hatte durch seine Erstausbildung zum Architekten und durch sein Alter einen grossen Vorsprung gegenüber Lehrlingen, die mit 16 bei uns anfangen.» Die Lehre habe er dementsprechend sehr gut gemeistert.

Feer erinnert sich an einen Wettbewerb von der Schule aus, für den Julien Donzé als Gartenmöbel eine Liege designed hatte. Auf Anraten seines praxiserfahrenen Teams aus dem eigenen Betrieb passte er den Entwurf dann noch an und hatte Erfolg: Seine Arbeit wurde an der Holzmesse in Basel ausgestellt.

Bereits während seines Studiums hat Donzé über den eigenen Tellerrand herausgeschaut. Mit dem Erasmus-Programm studierte er ein Jahr in Stockholm, zwischen Bachelor und Master absolvierte er ein sechsmonatiges Praktikum in Südamerika. «Es war interessant zu sehen, wie es in andern Ländern funktioniert. Wir lernen viel beim Reisen», bringt er seine Erfahrungen auf den Punkt.

Zurück zu den alten Produkten im Schreiner-Handwerk

Bemerkt habe er, dass im Schreinerberuf in vielen Betrieben auf Platten und Materialien mit erdölbasierten Produkten zurückgegriffen werde. «Wir müssen uns fragen, was wir machen. Wir sind verantwortlich für Umweltschutz und Klimawandel», sagt er. Ihn interessiere die Frage, wie man zurück zu natürlichen Produkten komme. «Wir haben die Kenntnisse über natürliche Materialien vergessen. Früher hat man mit Fisch- oder Knochenleim gearbeitet und die Möbel mit Leinöl behandelt.» Klar sei die Verwendung solcher Materialien aufwendiger und sie koste mehr Zeit, aber diese spare man mit modernen Techniken wie den CNC-Maschinen ja ein.

Seine Ziele hat Julien Donzé klar im Auge. «Ich möchte Prototypen von Möbeln entwickeln in einem Betrieb, der auch Design macht, etwas zwischen Architektur und Schreinerei.» Und auch, wenn es ihm in Engelberg gut gefallen hat und er hier gern wandert, Ski fährt oder das Gleitschirmfliegen lernt, zieht es ihn doch wieder zurück in die West-Schweiz.


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