Vor zehn Jahren traten sie zurück: Vier Nidwaldner Altregierungsräte erinnern sich

NIDWALDEN ⋅ Ende Juni 2010 ging für Leo Odermatt, Beatrice Jann, Lisbeth Gabriel und Beat Fuchs ihre langjährige Ära in der Nidwaldner Regierung zu Ende. Nun schauen sie auf diese Zeit zurück und verraten, wie sie die Zeit danach erlebten.

02. Juli 2020, 05:11

Matthias Piazza

Matthias Piazza

Matthias Piazza

Matthias Piazza

Beatrice Jann (68): «Erfahrung hilft, Rauheiten einzuordnen.»

Stans, von 2002 bis 2010 Regierungsrätin (FDP), Bildungsdirektion

Was bleibt ihnen unvergessen aus Ihrer achtjährigen Amtszeit als Nidwaldner Bildungsdirektorin?Die hautnahe Erkenntnis, nie ausgelernt zu haben, das Credo der Bildungspolitik. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich diese vielfältige Wissens- und Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen durfte und zu erfahren, dass ich auch grossen Herausforderungen gewachsen bin.Wie haben Sie Ihre ersten zehn Jahre des Ruhestands erlebt?Im positiven Unruhezustand. Ich geniesse meine persönlichen Freiheiten, Familie und Freundschaften, kann aber «nicht aus meiner Haut», mich da und dort zu engagieren. Ich habe mich beispielsweise ehrenamtlich beim Aufbau des Hospiz Zentralschweiz in Luzern/Littau engagiert. Dieses konnte nun im Januar dieses Jahres seine Türen öffnen. Die Finanzierung des Betriebs bleibt weiterhin eine grosse Herausforderung, denn das Haus will ungeachtet der finanziellen Möglichkeiten der Bewohnerinnen und der Bewohner allen zugänglich sein.Wären sie gerne Regierungsrätin in der heutigen Zeit, in der Politiker einem rauen Umgangston ausgeliefert sind, verstärkt durch die sozialen Medien?Ja, ich wäre auch in der heutigen Zeit gerne Regierungsrätin, die Aufgabe steht im Vordergrund. Auf Grund eigener Erfahrungen entwickelt man besonders nach dem Austreten aus einem politischen Amt eine Aussensicht und Sensibilität in Sachen Umgangston. Die Erfahrung kann aber auch helfen, Rauheiten einzuordnen, und amtierende Personen lernen das auszuhalten. Die gute Kollegialität in einem Gremium kann da sehr helfen. Dennoch stört es mich immer mal wieder, wenn Kritik an einer Sache personalisiert wird, die Komplexität von politischen Entscheiden vor der «Rüffelei» nicht als Ganzes einbezogen wird oder wenn «Schlagzeilen» in Übertiteln oder Leserbriefe die Wahrnehmung der Leserschaft ungefiltert beeinflussen.

Leo Odermatt (72): «Ich spiele Mandoline im Zupforchester Luzern.»

Stans, von 1998 bis 2010 Regierungsrat (Grüne), Gesundheits- und Sozialdirektion

Worauf sind Sie als ehemaliger Gesundheits- und Sozialdirektor besonders stolz?

Ich will persönlich auf nichts stolz sein, denn alle erfolgreichen Projekte kamen im Miteinander von Verwaltung, Regierungsrat und Landrat zustande. Ganz besonders freut es mich, dass der Aufbau einer flexiblen Notorganisation nach den Zeiten von Vogelgrippe und Rinderwahnsinn sich gerade jetzt wieder bewährt hat. Beim Projekt um die Zukunft unseres Kantonsspitals hatte der Regierungsrat den Mut, Althergebrachtes loszulassen und zusammen mit Luzern etwas Neues zu wagen. Entscheidend war auch, dass in den Verwaltungen und Spitalleitungen von Nidwalden und Luzern weitsichtige Leute sassen, die wussten, worauf es ankommt und ein ganz neues Verständnis von Zusammenarbeit in heiklen Bereichen mitbrachten.

Wie haben Sie Ihre ersten zehn Jahre des Ruhestandes erlebt? In der Öffentlichkeit werden Sie ja wahrgenommen als Präsident des Vereins Freundeskreis Kloster St. Klara.

Es freut mich, dass die spirituelle Arbeit der Schwesterngemeinschaft öffentlich wahrgenommen wird. Ich selber wollte nach der Pensionierung bewusst etwas Anderes machen und neue Welten suchen. So spiele ich seit zwei Jahren Mandoline im Zupforchester Luzern. Ich bin ohne Musikschule aufgewachsen und es war eine schöne Erfahrung, dass man auch im Alter Schwieriges lernen und darin besser werden kann.

Wären Sie gerne Regierungsrat in der heutigen Zeit, in der Politiker einem rauen Umgangston ausgeliefert sind, verstärkt durch die sozialen Medien?

Wer heutzutage als Regierungsrat kandidiert, der tut das in einem vertrauten Umfeld von Medienpräsenz und öffentlichem Umgangston. So viel besser war es früher nun auch wieder nicht. Wer bei sich selber ist und die andern respektiert, wird auch heute in einer scheinbar rauer gewordenen Öffentlichkeit auf die Dauer mehr Erfolg haben.

Beat Fuchs (72): «Kritik muss man ertragen können.»

Buochs, von 1998 bis 2010 Regierungsrat (FDP), Justiz- und Sicherheitsdirektion

Vor zehn Jahren traten Sie als Regierungsrat zurück. Was bleibt Ihnen in Ihrer zwölfjährigen Amtszeit unvergessen?Es ist ein Privileg, vom Volk gewählt zu werden, um Mitverantwortung für unseren Kanton und unser Land zu übernehmen. Während zwölf Jahre die Entwicklung dieses Kantons mitzugestalten und die Entscheide mitzuprägen. Es waren zwölf intensive Jahre. Und manchmal frage ich mich heute, wie wir das alles geschafft haben. Aber es waren eben auch zwölf spannende und erfüllende Jahre.Gab es seit Ihrem Rücktritt Momente, wo Sie es bereuten, dass Sie keinen politischen Einfluss mehr haben?Ganz klar nein. So einen Entscheid fällt man ja auch nicht von heute auf morgen. Es ist ein bewusster Prozess mit einem Abschied und mit neuen Perspektiven für mich und meine Familie.Wie haben Sie Ihre ersten zehn Jahre des Ruhestandes erlebt? Die grösste Veränderung zeigte sich in meinem Terminkalender. Zuerst habe ich eine längere Pause eingelegt, bevor ich mich selbstbestimmten Aufgaben gewidmet habe, die mich neu gefordert und erfüllt haben. Der Ruhestand oder manchmal auch der Unruhestand ist aber auch sehr spannend und erfüllend.Wären Sie gerne Regierungsrat in der heutigen Zeit, wo Politiker einem rauen Umgangston ausgeliefert sind, verstärkt durch die die sozialen Medien.Ich kann es nicht abstreiten, die Politik interessiert mich immer noch. Und ich überlege mir ab und zu, wie ich, wie wir entschieden hätten. Und gerade im Zusammenhang mit dem Coronavirus mussten die politisch Verantwortlichen Entscheide mit einer grossen Tragweite fällen. Nicht immer einfache Entscheide – und die Kritik nach solchen muss man ertragen können. Sonst darf man nicht in der politischen Arbeit tätig sein. Das haben wir in unserer aktiven Zeit auch ab und zu erlebt.

Lisbeth Gabriel (72): «Ich geniesse die langsamere Gangart.»

Wolfenschiessen, von 2002 bis 2010 Regierungsrätin (CVP), Baudirektion

Worauf sind Sie besonders stolz aus Ihrer Zeit als Regierungsrätin?Wenn ich in unserem Kanton unterwegs bin, treffe ich immer wieder auf eine Vielzahl von Bauwerken, an deren Planung und Realisierung ich als Baudirektorin aktiv mitwirken durfte. Sie alle sind mit Erinnerungen verbunden, die mich heute noch mit Freude erfüllen, mal schmunzeln und auch so etwas wie Stolz aufkommen lassen.Gab es seit Ihrem Rücktritt Momente, in denen Sie es bereuten, dass Sie keinen politischen Einfluss mehr haben?Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass es mich schon einige Male gejuckt hat und ich noch sehr gerne punktuell mitgewirkt und mitentschieden hätte. Dies betraf insbesondere Projekte und Geschäfte, an deren Planung und Erarbeitung ich aktiv beteiligt war, sie aber nicht mehr zu Ende führen konnte. Im Laufe der Zeit hat sich dieses Bedürfnis jedoch gänzlich gelegt. Nun verfolge ich die Arbeit unserer Nachfolger aus Distanz und bin der Meinung, sie machen ihre Sache gut.Wie haben Sie Ihre ersten zehn Jahre des Ruhestandes erlebt?Erfreulich gut und sehr positiv. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase konnte ich die langsamere Gangart zunehmend geniessen und habe die vollgepackte Agenda relativ rasch nicht mehr vermisst. Die Zeit beliebig zu nutzen ist ein Privileg, das ich sehr zu schätzen gelernt habe. Mehr Zeit mit der Familie, insbesondere auch mit unseren sieben Enkelkindern zu verbringen und Freundschaften intensiver zu pflegen, empfinde ich als besonders schön und wertvoll. Gemeinsam mit meinem Mann geniesse ich unter anderem das Skifahren, die täglichen ausgedehnten Spaziergänge oder Wanderungen mit unserem Hund Ben, die Bienenzucht und das Reisen. Mit Freude nehme ich auch die ehrenamtliche Arbeit als Präsidentin der Winterhilfe Nidwalden wahr.

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