Wer zum «Ruessenhof», dem Veranstaltungsort des finalen Konzerts der Reihe «Sommerklänge», wollte, musste ihn zunächst finden. Hinter den Gewerbebauten Sihlbruggs, am Fuss von Baarburg und Josefsgütsch, liegt der Hof wie von der Gegenwart übersehen. Am letzten Sonntag wurde die Unscheinbarkeit zum Luxus: bestes Wetter, ein geschichtsträchtiger Ort, jeder Platz besetzt. Auch die Scheune überraschte. Trotz der hohen Temperaturen und der voll besetzten Reihen wurde es unter ihrer eindrucksvollen Konstruktion nicht heiss.
Apropos Konstruktion: Hausforscher und Geograf Benno Furrer erinnerte in einer kurzen Einführung zur Lokalität daran, dass unterhalb des Hofes einst die Handelsroute von Horgen über Baar nach Zug, Immensee und Küssnacht verlaufen sei. Ab 1610 gehörte der Ruessenhof dem Kloster Wettingen; in der Nähe lagen ein Bad und eine Heilquelle.
Traditionelle Volksmusik weiterentwickelt
Madeleine Nussbaumer, Initiantin und künstlerische Leiterin der «Sommerklänge», besitzt ein bemerkenswertes Gespür dafür, was beim Publikum ankommt, ohne ihm einfach nach dem Mund zu programmieren. Manches etablierte Haus dürfte sich nach einer Intendantin mit einem derartigen Publikumsriecher sehnen, denn längst sind die «Sommerklänge» selbst zum Qualitätssiegel geworden.
Es traten vier Musiker auf, deren Instrumente wie die Besetzung einer Kapelle wirkten, die sich verlaufen hatte: Georg Unterholzner mit der Gitarre, Andreas Winkler an der Steirischen Harmonika, Nathanael Turban an der Geige und Florian Mayrhofer mit der Tuba. Gemeinsam nennen sie sich Maxjoseph – eine augenzwinkernde Verbeugung vor Maximilian I. Joseph, dem ersten König Bayerns. Königliche Allüren waren nicht auszumachen. Dafür jene Souveränität, die entsteht, wenn Musiker die traditionelle Volksmusik ihres Herkunftsorts genau kennen und deshalb keine Angst davor haben, sie zu verändern.
Alle vier studierten an der Hochschule für Musik und Theater München. 2024 erhielt das Ensemble das Musikstipendium der Landeshauptstadt München, 2026 folgte der Münchner Innovationspreis Volkskultur. Preise erklären keine Musik, benennen hier aber genau, worum es ging: Tradition nicht auszustellen, sondern weiterzudenken.
Einflüsse aus anderen Musikstilrichtungen
Schon Titel wie «Nau», «Run to Dana», «Samt», «Guggenmosi», «Zmoal» oder «Pes Solis» versprechen keine Postkartenidylle. Maxjoseph spielte neue Volksmusik, doch dieser Begriff ist fast zu ordentlich für das Geschehen auf der Bühne. Da blitzte Jazz auf, dort schob sich ein Tango dazwischen, dann tauchten Balkanklänge auf, und plötzlich lag über allem eine Melancholie, die an Schubert denken liess. Entscheidend war nicht die Mischung, sondern die Natürlichkeit, mit der sie gelang.
Die ungewöhnliche Besetzung sorgte für reizvolle Verschiebungen. Bei Florian Mayrhofer wurde die Tuba vom schweren Fundament zum beweglichen, beinahe tänzerischen Gegenüber. Winklers Steirische Harmonika atmete, stichelte und trieb an. Turbans Geige zog feine Linien und konnte scharf aufflammen, während Unterholzners Gitarre den Raum ordnete und gleich wieder öffnete. Die vier warfen sich Motive zu und setzten sie mit sichtlicher Freude neu zusammen.
Maxjoseph unterwanderte am Sonntag die Klischees der Alpenmusik freundlich, aber gründlich. Das Ensemble machte sich nicht darüber lustig; es nahm die Volksmusik so ernst, dass sie sich verändern durfte. Vielleicht war das der schönste Gedanke des Abends: Heimat musste kein Ort sein, an dem man musikalisch stehenbleibt. Sie kann Ausgangspunkt, Sprungbrett und offene Tür zugleich sein. So endeten die «Sommerklänge» mit einem Abend, der zeigte, wie offen, klug und gegenwärtig Volksmusik klingen kann.




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