U20-Kolumne: «Bist du behindert?»

LUZERN ⋅ Michelle Burri (16), Schülerin an der Kantonsschule Sursee, fordert dazu auf, Menschen mit einer Behinderung weniger zu schubladisieren.

17. Februar 2019, 20:10

Ja, bin ich. Denn ich bin Autist. Ich heisse Julian und bin 26 Jahre alt. Ich bin Automechaniker, dafür braucht man zum Glück kein gutes Einfühlungsvermögen, denn das habe ich nicht. Ich bin von einem auf den anderen Moment grundlos wütend oder kann mich nicht länger konzentrieren, aber ich kann innerhalb von wenigen Sekunden sagen, was 24 mal 53 gibt. Ja, ich bin behindert, aber nicht auf den Kopf gefallen.»

Diese fiktive Person habe ich als Einleitung gewählt, um zu zeigen, wie es sich womöglich anfühlt, wenn man von einer Behinderung betroffen ist. «Bist du behindert?» Diesen Satz höre ich immer mehr. Als «bist du dumm?» oder «geht’s noch?» gemeint, ist eine scheinbar harmlose Frage, aber haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, was das für Behinderte bedeutet? In der Schweiz gelten gemäss Bundesamt für Statistik über 1,7 Millionen Personen als behindert, (diese Zahl ist zwar etwas mit Vorsicht zu geniessen, denn auch Brillenträger werden als sehbehindert bezeichnet), etwa eine halbe Million lebt mit einer starken Beeinträchtigung.

Ich habe einen guten Freund. Er ist schwerbehindert. Vor drei Jahren ist er beim Klettern abgestürzt und kann sich nur noch in einem elektrischen Rollstuhl fortbewegen. Er kann nicht selbst einkaufen, nicht «normal» zur Schule gehen oder sich spontan mit Freunden treffen. Alles, was für uns Alltag ist, ist für ihn beschwerliche Ausnahme. Und trotzdem lebt er sein Leben wie Sie und ich.

Eigentlich sind wir alle behindert. Die Gesellschaft selektiert und schubladisiert die «Spezielleren» von den «Normalen». Das ist nicht richtig. Brauchen wir das Wort «behindert» künftig mit Verstand und einem Gedanken an Menschen, die ein eingeschränkteres Leben führen als wir.

Hinweis: In der Kolumne «U20» äussern sich Schüler der Kanti Sursee zu frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.


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