Kulturpreis: Bei den Bühlmanns sitzt die Kunst mit am Frühstückstisch

EMMEN ⋅ Karl und Isolde Bühlmann sind die Kulturpreisträger 2019 der Gemeinde Emmen. Sie prägten die Galerie Gersag, die der Kunstplattform Akku vorausging.

08. Dezember 2019, 16:16

Hannes Bucher

Sie lieben und leben Kunst und Kultur: Die frühere Galerie Gersag und heute die Akku Kunstplattform samt Kinderatelier in Emmenbrücke sind eigentlich «ihre Kinder». Für ihr über 45-jähriges Engagement erhalten Isolde und Karl Bühlmann den diesjährigen Emmer Kulturpreis. Vereinbart ist der Treffpunkt mit den beiden Kulturpreisträgern an der Gerliswilstrasse 23 in Emmenbrücke.

Der Bau 716 am Tor zur Viscosistadt beherbergt die Akku Kulturplattform. Diese vermittelt seit 2010 zeitgenössische Kunst von Künstlerinnen und Künstlern regionaler und nationaler Grösse. Isolde Bühlmann ist Mitglied des Stiftungsrats Akku Emmen, Karl Bühlmann Geschäftsführer der Institution.

Bühlmanns und die Kunst – das gehört seit jeher zusammen. Zuerst war es 35 Jahre lang die kommunale Galerie Gersag im obersten Stock des Emmer Verwaltungsgebäudes, seither die Akku Kunstplattform auf dem Gelände der einstigen Société de la Viscose, wo sie mit Freunden zusammen und als Pioniere der Kreativwirtschaft auf dem Platz das Akku zum Leben erweckt haben. Sie sagen:

«Ja, die Kunst ist unser Kind.»

Das Ehepaar hat viel Herzblut und Energie investiert und tut es weiterhin. «Kunst ist nicht nur Hobby – wir leben sie intensiv», sagt Karl Bühlmann. Das über 45-jährige Engagement für die Kunst in Emmen kommt nicht von ungefähr. Beide wuchsen sie in der Gemeinde Emmen auf. «Da haben wir unsere Wurzeln, und das ging auch nicht vergessen, als wir in Zürich oder in Adligenswil wohnten oder heute in Luzern den Wohnsitz haben».

Sie haben früh Zugang zur Kunst gefunden. Karl Bühlmann erinnert an den Emmer Primarlehrer Walter Koch, der die Kunsterziehung in den 50er-Jahren in den Schulunterricht einbrachte, über Kunst und Kitsch referierte und mit dem Aufbau der Emmer Kunstsammlung begann. Er war es, der den Kantischüler Karl Bühlmann zur Kunst brachte.

Galerie Gersag mit schweizweiter Beachtung

Karl Bühlmann studierte in Zürich Kunstgeschichte und Geschichte und schrieb schon als Student über Kunstausstellungen. Isolde Bühlmann erzählt, wie sie ihn an Lehrveranstaltungen an der Uni und zu Ausstellungen begleitete und auf diese Weise in die Kunstszene hinein wuchs – im Speziellen in die zeitgenössische Kunst. Sie selber arbeitete 1977-1986 im ersten Zuger Kunsthaus in der Altstadt und wurde 1987 Leiterin der Galerie Gersag. Es ist mit ihr Verdienst, dass die Emmer Galerie mit Ausstellungen wie Giacometti, Hesse, Varlin, Kollwitz oder Retrospektiven von Innerschweizer Künstlern schweizweit Beachtung fand.

Sie betreut heute noch die gemeindeeigene Kunstsammlung von über 800 Werken, kuratiert die Anliker Sammlung und leitet den Kunstfonds der Gemeinnützigen Gesellschaft der Stadt Luzern. Karl Bühlmann – früher Kulturredaktor und später Chefredaktor der einstigen Luzerner Neuste Nachrichten (LNN) – ist publizistisch tätig. Neben der Geschäftsführung der Stiftung Akku amtet er als Präsident der Hans Erni Stiftung, ist Stiftungsrat der Anliker-Stiftung für Kunst und Kultur und der Sammlung Rosengart.

Die Kunst ist in Bühlmanns Alltag Dauergast. «Sie sitzt häufig schon mit am Frühstückstisch», schmunzeln die beiden. Sie haben einen unterschiedlichen Zugang zur Kunst. «Ich bin der Bauchmensch. Ich will wissen, was die Künstler fühlen, denken, ich will sie spüren», sagt Ehefrau Isolde. «Karl ist eher der Kopfmensch. Er analysiert, interpretiert, schreibt.» Für beide aber steht fest:

«Die Kunst, auf die wir setzten, muss eine Basis, biografische und soziale Hintergründe haben. Das Kunstwerk braucht eine Herkunft, soll Geschichten erzählen können. Kunst ist eine ernsthafte Sache, ist Poesie und nicht Dekoration.»

Kinder und Jugendliche zur Kunst hinführen, Kunstvermittlung kindergerecht «aufbereiten», das haben die Bühlmanns schon zu Zeiten der Galerie Gersag gemacht. Ihr Projekt «Mit Kunst im Klassenzimmer» wurde 2002 mit einem Europäischen Kulturpreis ausgezeichnet. Mit der Gründung der Akku Kunstplattform zog das Kinderatelier ins gleiche Gebäude ein. Mit einer Vielfalt an konkreten, kurzen und längeren Kursangeboten ermöglicht es Kindern ab drei Jahren sowie Jugendlichen, die eigene und schlummernde Kreativität zu entfalten und die vielen Seiten der gestalterischen Ausdrucksmöglichkeiten kennen zu lernen.

Freude und Fragen

Was bedeutet der Anerkennungspreis der Gemeinde Emmen für Bühlmanns? «Ich freue mich darüber. Erinnerung tauchten auf, es lief vieles der vergangenen Jahrzehnte in der Galerie und im Akku wie ein Film ab», sagt Isolde Bühlmann. «Meine Freude war anfänglich verhalten, denn ich habe mich gefragt, ob der Zeitpunkt für eine Auszeichnung angezeigt ist», sagt Karl Bühlmann: «Denn akku steckt gegenwärtig in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Kunst und Kultur sind nicht rentable Ertragsobjekte, sondern schöpferische Gegenstücke, die Unterstützung verdienen, weil sie den Alltag interessanter machen und uns inspirieren.»


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