Sommerserie «Ausgelesen» (6/12)

Warum mich Macondo seit zwanzig Jahren nicht loslässt

Der kolumbianische Autor Gabriel García Márquez hat mit «Hundert Jahre Einsamkeit» einen Klassiker geschaffen. Er beweist, dass Literatur mehr sein kann als eine Geschichte.
«Wenn du wahnsinnig werden musst, dann bitte allein», sagt Úrsula Iguarán zur ihrem Ehemann - aus dem Roman «Hundert Jahre Einsamkeit» von Gabriel García Márquez.
Foto: Maria Schmid (Zug, 9. 7. 2026)

Das ursprüngliche Macondo ist für mich einer der schönsten Orte der Welt – obwohl es ihn gar nicht gibt. Der kolumbianische Autor Gabriel García Márquez erschafft dieses Dorf mit wenigen Sätzen, und doch steht es sofort vor dem inneren Auge: zwanzig Häuser aus Lehm und Schilf am Ufer eines Flusses mit klarem Wasser, das über glatte, weisse Steine fliesst. Es ist so angelegt, dass der Fluss von jedem Haus aus mit demselben Aufwand erreicht werden kann und kein Haus in der Mittagshitze mehr Sonne abbekommt als ein anderes. Niemand ist älter als dreissig Jahre, noch niemand ist gestorben.

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