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Kantonaler Leistungsbericht

Zuger Mädchen hinken schon in der Primarschule im Fach Mathematik hinterher

Der jüngste Leistungstest Check P4 zeigt: Zuger Mädchen liegen in Mathe rund ein halbes Schuljahr zurück – stärker als anderswo. Was sie bremst und was helfen könnte.
Primarschullehrerin Käthi Elmiger schreibt an die Tafel, wie Flächen gemessen werden.
Bild: Felix Ertle
(Hünenberg, 3. 12. 2025)

«Flächen messen wir mit Quadraten.» Käthi Elmiger steht im hellen Klassenzimmer des Hünenberger Primarschulhauses Ehret A und schreibt den Satz an die Tafel. Darunter zeichnet sie ein Quadrat und teilt es in kleinere Quadrate, mit denen sich die Fläche berechnen lässt. Seit 22 Jahren ist Elmiger Primarlehrerin, seit 12 Jahren unterrichtet sie in Hünenberg eine dritte und eine vierte Klasse. «Mathematik ist ein wunderbares Fach», sagt sie. «Es hilft beim Denken, Ordnen und Orientieren.»

Doch nicht alle Kinder finden sich gleich gut in dieser Welt zurecht – insbesondere Mädchen nicht, wie der jüngste Leistungstest Check P4 zeigt. Das ist ein standardisierter Leistungstest, den fast alle Viertklässlerinnen und Viertklässler im Kanton Zug im Frühling dieses Jahres absolviert haben. Demnach liegen die Knaben im Schnitt rund ein halbes Schuljahr vor den Mädchen. Der Unterschied ist deutlich und laut Studie grösser als in anderen Kantonen.

Selbst bei Expertinnen sorgt das Ergebnis für Erstaunen

Susanne Metzger, Professorin an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, beschäftigt sich mit geschlechterspezifischen Bildungsunterschieden. Dass Jungen in der Sekundarstufe in Mathematik besser abschneiden, sei durch Studien wie Pisa gut belegt, sagt sie.

In der Primarschule seien Leistungsunterschiede in Mathematik bisher kaum oder nicht so ausgeprägt sichtbar gewesen, sagt Metzger. «Beispielsweise zeigte eine US-Studie bei Kindern bis acht Jahren keine signifikanten Unterschiede.» Umso mehr habe sie das Zuger Ergebnis überrascht: «Mit derart starken Unterschieden in der vierten Klasse habe ich nicht gerechnet. In der Nordwestschweiz sind die Unterschiede in der fünften Klasse weniger als halb so gross.»

Susanne Metzger ist Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit genderbezogenen Leistungsunterschieden.
Bild: zvg/Eugen Notter

Warum die Differenz im Kanton Zug grösser ist, bleibt für Metzger offen: «Es gibt meines Wissens keine Studien, die das erklären.» Sicher sei aber: «Dass Mädchen hinter Knaben liegen, ist kein biologisches Gesetz, sondern gesellschaftlich bedingt.» Studien würden zeigen, dass Mädchen kognitiv ebenso fähig seien.

Mit der Zeit würden viele Kinder das Vertrauen in ihre mathematischen Fähigkeiten verlieren. Fachleute sprechen von einer Abnahme des mathematischen Selbstkonzepts, so Metzger – oft begünstigt durch das Verhalten von Eltern, Lehrpersonen oder dem Umfeld.

Eltern spielten eine wichtige Rolle, sagt Metzger. «Kommt ein Mädchen mit einer schlechten Mathenote nach Hause, heisst es vielleicht: ‹Das ist nicht so schlimm.› Beim Jungen hingegen: ‹Das musst du besser können.›» Solche, oft unbewussten, Rückmeldungen prägten das Selbstkonzept. «Wer denkt, er oder sie kann etwas nicht, wird selten gut darin.»

Wie tief solche Wahrnehmungen sitzen, zeige auch der Mint-Stimmungsbarometer der ETH Zürich (Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik): Eltern trauten ihren Töchtern deutlich weniger naturwissenschaftliche Fähigkeiten zu als ihren Söhnen.

Ebenso spiele die Erwartungshaltung der Lehrpersonen eine Rolle. «Die Forschung zeigt auch, dass Lehrpersonen Knaben in den Fächern Mathematik und Physik tendenziell kompetenter einschätzen.»

Auch Primarschullehrerin Käthi Elmiger sagt, sie habe wahrscheinlich unbewusste Annahmen über Knaben und Mädchen, welche ihr Handeln beeinflussen. Und solche Vorstellungen prägten das Selbstbild der Kinder. Für andere Perspektiven tausche sie sich darum regelmässig aus, in Intervisionen im Team und auch in Supervisionen mit externen Fachpersonen.

Zwar kämen Kinder manchmal zu ihr und sagten: «Mathe ist einfach nicht mein Ding.» Dann antworte sie: «Jetzt schauen wir. Vielleicht wird es ja doch noch dein Ding.» Entscheidend sei, dass Kinder Selbstwirksamkeit erfahren, also merken, dass sie etwas können. «Wenn sie das durch eine gezielt gewählte Aufgabe erleben, motiviert das», sagt Elmiger. Das sei unabhängig des biologischen Geschlechts zentral.

Käthi Elmiger in einem Klassenzimmer der Primarschule Hünenberg.
Bild: Felix Ertle
(3. 12. 2025)

Elmiger unterrichtet Mathematik mit Leidenschaft – ein Vorteil. «Kinder lassen sich von der Begeisterung einer Lehrperson anstecken.» Und oft könne Unterricht auch so organisiert werden, dass Kinder von den verschiedenen Leidenschaften der Lehrpersonen profitieren können. «Wenn ein Lehrer gern singt und eine andere Lehrerin für Englisch brennt, kann man das so organisieren, dass beide auch in der Nebenklasse ihr Lieblingsfach unterrichten», sagt Elmiger. Das sei ein Gewinn für alle.

Geeignete Vorbilder finden

Mit zunehmendem Alter der Kinder könnten Eltern und Lehrpersonen nur noch begrenzt Einfluss nehmen. «Rollenbilder verfestigen sich auch über Gleichaltrige», sagt Susanne Metzger. Spätestens in der Pubertät werde die Zugehörigkeit zu Gleichaltrigen besonders wichtig. «Wenn Mathe nicht ins Bild der Clique passt, ziehen sich Mädchen eher zurück.»

Stark sei in diesem Zusammenhang auch der Einfluss sozialer Medien. «Wenn Kinder dort ständig sehen, was als typisch weiblich oder männlich gilt, prägt das ihr Selbstbild.» Soziale Medien können aber auch Positives bewirken. Einige wenige junge Frauen erklärten Mathematik einfach und alltagsnah auf Kanälen wie YouTube oder TikTok. «Solche erreichbaren Vorbilder können helfen, das Bild vom Jungenfach aufzubrechen.» Wichtig sei, dass diese Vorbilder erreichbar wirkten. «Eine Studentin oder junge Lehrerin, die Mathe erklärt, spricht Mädchen ganz anders an als ein alter Mann im weissen Kittel.»

«Bloss kein falsches Mitleid»

Eltern und Lehrpersonen können viel bewirken. Und der Kanton? Der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss räumt auf Anfrage schriftlich ein: «Nach der zweiten Durchführung der Leistungstests ist es noch zu früh für Pläne.» Die Resultate würden aber schon jetzt eine wertvolle Grundlage für den kollegialen Austausch bieten: «Warum wird dieses Ergebnis erzielt? Welche Lehrpersonen machen es besonders geschickt? Welche Klasse braucht mehr Unterstützung?» Solche Fragen könnten dank der Testergebnisse gezielt gestellt werden, schreibt Schleiss.

Ein möglicher Erklärungsansatz für die Leistungsunterschiede ist auch Schleiss zufolge, dass von Mädchen oft zu wenig erwartet werde. Seine Antwort darauf: «Das heisst für die Schule: Bloss kein falsches Mitleid mit den Mädels, sondern hohe Leistungserwartungen auch in Mathematik.» Und er fügt hinzu: «Und dasselbe gilt natürlich auch für die Sprachkompetenz bei den Buben.»

Zeitungspapier und ein eindrücklicher Würfel im Hünenberger Klassenzimmer veranschaulichen Masseinheiten.
Bild: Felix Ertle
(3. 12. 2025)

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