Die Schweiz als «Wiege der Genossenschaften»
Ob Wohnbaugenossenschaften, Banken, Versicherungen, landwirtschaftliche Zusammenschlüsse oder der Detailhandel mit Unternehmen wie Migros oder Coop: In der Schweiz gibt es viele genossenschaftliche Organisationen.
Gemeinsamer Nutzen, demokratische Mitbestimmung und Hilfe zur Selbsthilfe gehören zu den grundlegenden Werten einer Genossenschaft.
Was sind gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften?
In der Schweiz gibt es rund zweitausend gemeinnützige Bauträger. Gemeinsam besitzen sie mehr als 185’000 Wohnungen. Diese Wohnungen machen im Schweizer Wohnungsmarkt zwar nur einen Anteil von rund fünf Prozent aus. Dennoch decken sie eine besondere Nische ab.
Die gemeinnützigen Bauträger entziehen Wohnraum der Spekulation und sorgen auf Basis der Kostenmiete für ein langfristig preisgünstiges Wohnangebot. Damit leisten sie einen Beitrag zu einer guten sozialen Durchmischung und zu lebendigen Quartieren.
Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften verbinden Vorteile des selbst genutzten Wohneigentums mit jenen eines üblichen Mietwohnungsverhältnisses. Genossenschaftsmitglieder verfügen über Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte. Dies stärkt die Zivilgesellschaft und trägt zu einer hohen Wohn- und Lebensqualität bei.
Der gemeinnützige Wohnungsbau bietet damit einen Mehrwert, von dem nicht nur die Bewohnerschaft, sondern die ganze Bevölkerung profitiert. Die Mieten in Wohnbaugenossenschaften liegen im Vergleich rund 20 bis 30 Prozent unter dem Markt.
Geschichte der Wohnbaugenossenschaft St. Martin
1964 schlossen sich Personen aus der katholischen Arbeiterbewegung KAB zusammen, um eine gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft zu gründen und am Birkenweg 24 in Ibach einen Neubau zu ermöglichen.
1995 veräusserte die damalige Theodosius-Stiftung, die Liegenschaften für das Bistum Chur verwaltete, der Wohnbaugenossenschaft St. Martin die Liegenschaft an der St. Martinstrasse 4 in Schwyz. Das Gebäude wurde nicht mehr für die katholische Schule und deren Personal benötigt.
Eine Einzelinitiative in der Gemeinde Schwyz verlangte später, dass die Gemeinde Baugrund für die gemeinnützige Bebauung zur Verfügung stellen müsse. In der öffentlichen Zone an der Gotthardstrasse in Ibach konnte dadurch eine Parzelle im Baurecht für den Wohnungsbau genutzt werden. Eine Abstimmung im Februar 2020 machte dies möglich.
Die Gemeinde Schwyz wählte die Wohnbaugenossenschaft St. Martin als Partnerin aus. Im Februar 2021 entstand der Neubau an der Gotthardstrasse 120 in Ibach.
Ökologische Innovation und lokale Vernetzung
Während in vielen Mietshäusern noch immer keine Möglichkeiten zum Laden von E-Autos bestehen, hat die Wohnbaugenossenschaft dies in ihrem Neubau bereits flächendeckend umgesetzt.
Auch Photovoltaik zur Stromerzeugung und der Betrieb von Wärmepumpen gehören bereits seit Längerem zum Konzept. Als neuestes Projekt arbeitet die Wohnbaugenossenschaft bei der Stromspeicherung mit einer Firma zusammen, die aus alten Autobatterien Speicher entwickelt.
Solche Innovationen im Klimaschutz ermöglichen es auch dem einheimischen Gewerbe, sich mit neuen umweltfreundlichen Technologien zu befassen. Grundsätzlich investiert die Wohnbaugenossenschaft in das einheimische Gewerbe – sowohl bei Neubauten als auch bei Unterhalt und Sanierungen.
Herausforderungen für den gemeinnützigen Wohnungsbau
Boden lässt sich bekanntlich nicht vermehren. Mit Baugrund wird vielfach spekuliert, Grundstücke werden häufig an die Meistbietenden veräussert. Diese Preisspirale lässt es faktisch nicht zu, ein Grundstück preiswert zu bebauen.
Die eigentlichen Baukosten sind für alle Investorinnen und Investoren gleich, sofern nicht auf besonders aufwendige oder luxuriöse Ausbauten gesetzt wird. Auf dem freien Markt wird es deshalb immer schwieriger, zu bezahlbarem Baugrund zu kommen.
Gerade für Wohnbaugenossenschaften, deren Ziel langfristig günstiger Wohnraum ist, stellt diese Entwicklung eine grosse Herausforderung dar. Hohe Grundstückspreise wirken sich direkt auf die Möglichkeiten aus, neue Projekte mit tragbaren Wohnkosten zu realisieren.
Wie lässt sich die Wohnbaugenossenschaft unterstützen?
Interessierte Personen können die Idee der gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft unterstützen, indem sie Mitglied werden. Mitglieder zeichnen Anteilscheine, beteiligen sich an der Generalversammlung oder engagieren sich im Vorstand.
Auch Liegenschaftsbesitzerinnen und Liegenschaftsbesitzer können einen Beitrag leisten, wenn sie eine Liegenschaft für eine nachhaltige Nutzung zur Verfügung stellen möchten. Die Wohnbaugenossenschaft St. Martin nimmt entsprechende Angebote entgegen. Ebenso kann die Bereitstellung von Baugrund im Baurecht faire Möglichkeiten schaffen, um preiswerte Bauprojekte zu realisieren.
Nicht zuletzt können Bürgerinnen und Bürger die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus im politischen Prozess unterstützen. Mehrwertabgaben, zweckgebundene Bauzonen, Bauvorschriften, höhere Ausnutzungsmöglichkeiten, die Vergabe von Baurechten oder Beiträge zur Subventionierung von Bauten sind einige der Mittel, die der öffentlichen Hand zur Verfügung stehen.




