Mit Karl Schönbächler
sprach Silvia Camenzind
Sie haben das Pensionsalter erreicht. Treten Sie nun kürzer?
Ja. Ich arbeite noch zu 50 Prozent weiter.
Ist es schwierig, nicht vollendete Projekte abzugeben?
Nein. Die Nachfolge ist bei den BSS-Architekten mit den jungen Architekten zweier Generationen gut geregelt.
Ist Architekt noch der Beruf, den Sie erlernt haben?
Ja, es ist noch derselbe Beruf. Ich bin noch immer ein passionierter Architekt. Geändert hat sich etwas, das nicht nötig wäre: Es ist alles komplizierter geworden. Auf der heutigen Flughöhe wird eher über einen Dolendeckel diskutiert als über die architektonischen Ideen. Diese gingen leider etwas verloren.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Gestaltungspläne waren vor 20, 30 Jahren Pläne, bei denen man sich mit der Gestaltung auseinandergesetzt hat. Heute sind sie eine juristische Sache mit formalen Rahmenbedingungen, ohne dass der Inhalt besser würde.
Was bewirkt das?
Die Arbeit des Architekten wird leider inhaltlich immer ideenloser. Da alles gesetzlich derart reglementiert ist, sehen alle Wohnblöcke gleich aus.
Was wäre Ihr Anliegen?
Die bauliche Tradition bedeutet nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Ich stelle fest, dass wir stark die Asche anbeten. Der Blick für die Zukunft, für eine Öffnung und die Innovation, fehlt.
Heute braucht alles viel mehr Zeit, was genau braucht so viel Zeit?
Die Baubewilligungsverfahren brauchen heute gleich viel Zeit wie die Bauphase. Nehmen wir als Beispiel den Palais Friedberg, wo wir hier in Schwyz unsere Büros haben. Er wurde 1739 bis 1741 erbaut. Innerhalb von zwei Jahren entstand die gesamte Anlage. Heute hätte man doppelt so lange. Es ist zudem nicht so, dass wenn etwas lange dauert, es auch besser wird.
Was bringt heute Projekte zum Scheitern?
Es sind die Einsprecher. Ein Anwalt findet innerhalb von fünf Minuten anhand der 140000 allgemeinen Regeln, die wir heute in der Schweiz haben, einen Grund für eine Einsprache. Wir Schweizer finden immer etwas, um ein Bauvorhaben zwischen 3 und 5 Jahren zu verzögern. Den Einsprecher kostet dies nichts. Ich sehe das Problem vor allem in den Ortsplanungen. Da benötigen wir 10, 12 Jahre, um ein paar Quadratzentimeter auf dem Plan anders einzufärben. Inhaltlich ändert sich meist nicht viel. Das engt uns ein. Ein Baugesetz ist heute nicht mehr für den Architekten da, sondern für den Nachbarn, der einen Kriegsplatz eröffnet. Wir Schweizer plagen einander mit Einsprachen. Das wäre nicht nötig.
Haben Sie Geduld dafür?
Es braucht Nerven, aber das gehört zum Beruf. Man sollte es nicht zu nahe an sich herankommen lassen. Meiner Ansicht nach leidet das Land darunter, dass der Missbrauch nicht rigoroser bekämpft wird. Das kostet Gemeinden und den Kanton, also den Bürger, immense Summen Geld.
Wie viel Ihrer Arbeitszeit verschlingen Taktik und Verhandeln?
Einen Drittel. Als Architekt muss man heute überall, wo ein Knoten entsteht, verhandeln, damit dieser wieder gelöst wird.
Früher waren öffentliche Bauten imposant. Heute sind Schulhäuser und Verwaltungsgebäude nur noch langweilig.
Das ist der Zeitgeist und oft auch eine finanzielle Frage. Stehen die Finanzen und die Funktion im Vordergrund, handelt es sich um eine einfache Planung. Wie schon gesagt, sind wir gegenwärtig in der Schweiz eher ideenlos. Erfolgreiche Schweizer Architekten wie Herzog & de Meuron bauen vor allem im Ausland. Es fehlt gegenwärtig auch der Mut, experimenteller unterwegs zu sein.
Was bringt gute Architektur der Bevölkerung?
Der grosse Wurf ist nicht unbedingt mit viel mehr Geld verbunden. Er ist eine Ideenfrage. Sprechen aber 20, 30 Personen bei einem solchen Wurf mit, dann ist der Wurf verhakt und am Schluss ein Würfchen.
Sie arbeiten mit verschiedenen Gemeinden. Gibt es Ihrer Ansicht nach Gemeinden, die gut mit den heutigen Gegebenheiten umgehen?
Ja, es gibt sehr grosse Unterschiede. Es gibt Gemeinden mit sehr professionellen Leuten und Gemeinden, in denen dies nicht der Fall ist.
Nennen Sie ein schlechtes Beispiel?
Das Zeughausareal. Seit 15 Jahren liegen 40 000 m2 brach, und man ist nicht in der Lage, da etwas zu machen. Aus Spekulationsgründen der öffentlichen Hand liegt dies brach. Der Bund will mehr Geld, die Gemeinde spielt Schlaumeier, der Kanton auch. Wir bringen das nicht auf die Reihe. Es fehlt am Willen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Der Kanton Zug macht dies besser. Das ist schade für Innerschwyz. Viele müssen pendeln, die junge Bevölkerung muss auswärts Jobs suchen.
Wie könnte man die Sache beschleunigen?
Ich nehme an, dass die jungen tüchtigen Leute das ändern können. Man hat in der Computertechnologie enorme Fortschritte gemacht, ohne dass dies auf Verwaltungsebene Auswirkungen zeigt. Bei den Baubewilligungsverfahren könnte man vieles vereinfachen und die Prozesse beschleunigen. Meterweise geben wir heute noch Pläne ein, anstatt dass wir das viel einfacher digital lösen. Das muss sich schleunigst ändern.
Manchmal ist ein Bau für sich gelungen, passt aber nicht in die Umgebung. Wie sehr beziehen Sie beim Planen das Umfeld ein?
Der Kontext ist entscheidend. Das heisst aber nicht, dass neben einem bestehenden erneut ein Chalet entstehen muss. Das wäre dann, wie eingangs gesagt, die Asche anbeten. Man soll von der städtebaulichen Siedlungsplanung ausgehen. Sie ist ein entscheidendes Element. Es ist wichtig, Neues in den bestehenden Siedlungskörper einzupflanzen. Eine «Mondlandung» ist nicht unbedingt der richtige Ansatz.
Bewohner verlangen nach lichtdurchfluteten Räumen. Sobald aber in einer Überbauung die ersten dieser Wohnungen bezogen sind, werden Sichtschutze montiert. Läuft da nicht etwas falsch?
Das ist ungelöster Zeitgeist. Schauen wir uns die alten stadtlichen Häuser an, unveränderlich, nach innen gerichtet. Die heutigen Häuser sind nach aussen orientiert. Wir sind heute lichtverrückt und aussichtssüchtig. Heute versucht man beides zu lösen: auf der einen Seite der Rückzug, auf der anderen Seite das Extrovertierte. Das ist ein Thema, das nicht abschliessend gelöst ist. Es ist ein Zeitgefühl.
Was bringt es den Bewohnern, in gut gestaltete Räume einziehen zu können?
Es gibt eine Harmonie und eine gewisse Ruhe. Es ist der Ort, den man gestalten und definieren kann. Es ist ein Rückzugsort, man kann zu einem Ruhepunkt werden, in dem man sich verankern kann und Heimat findet.
Könnte Schwyz je den Wakkerpreis erhalten?
Das Dorf Schwyz sicher. Was fehlt, sind Verbindungen in die neuen Quartiere. Der Wakkerpreis ist eben nicht nur die Asche anbeten, er zeigt auch die Wiedergabe des Feuers auf. Mit dieser tun wir Innerschwyzer uns unheimlich schwer. Mit Veränderungen haben wir Mühe, da haftet man zu sehr am Alten, sodass es mit dem Wakkerpreis wohl nichts wird.
Treten wir an Ort?
Wir sind rückwärtsgewandt. Als wir 1980 hier in Schwyz das Architekturbüro eröffneten, herrschte eine Aufbruchstimmung. Man sprach von «Schwyz zäme ha». Heute herrscht ein Hickhack zwischen den Regionen und Parteien wegen den Steuerfragen. Es ist schade, dass man mit «Schwyz zäme ha» nicht mehr realisieren konnte. Dank unserer zentralen Lage hätten wir enorme Chancen, müssten dafür aber unsere Infrastruktur in Ordnung bringen, um Arbeitsplätze anzusiedeln. Wir brauchen dafür viel zu lange. Meiner Ansicht nach ist dies eine planerische Inkompetenz. Das tut unserem Land nicht gut.
Zu einem konkreten Grossprojekt: Wann denken Sie, können Sie in Brunnen Nord mit dem Bauen beginnen?
Das ist ein Beispiel, wie etwas viel zu lange dauert. Wir sind seit 11 Jahren dran und sind jetzt guten Mutes. Stellen Sie sich vor: Wir müssen heute kämpfen, dass wir Arbeitsplätze erhalten können. Das ist grotesk, da muss ein Gesinnungswandel stattfinden.
Trotz Kampf. Was lieben Sie an Ihrem Beruf?
Die gestalterische Kraft. Es ist ein wunderbarer Beruf. Am Schluss kann man das Erbaute anschauen, darin herumgehen.
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