Schwyzer Wald

«Die hohen Wildbestände sind die grösste Gefahr»

Der oberste Schwyzer Förster Theo Weber im «Bote»-Interview zu Naturgefahren, dem Zustand des Schwyzer Waldes und weshalb er gegen Zollschutz für die Schweizer Holzwirtschaft ist.
Der Kanton Schwyz als Mosaik aus allen hier existierenden Holzarten: Theo Weber in seinem Büro im Schwyzer Regierungsgebäude.
Foto: Jürg Auf der Maur, Bote der Urschweiz

Mit Theo Weber sprach Jürg Auf der Maur

Sie sagen, der Wald sei Ihre Passion. Wie äussert sich das?
Der Wald hat mich schon in früher Kindheit fasziniert: als Schutzschild vor Naturgefahren, als Lebensraum von über 20000 Tier- und Pflanzenarten und als Lieferant des einzigartigen Rohstoffs Holz. Mein Grossvater väterlicherseits war Bannwart. Mein Vater ist Förster, mein jüngerer Bruder ebenfalls. Die Passion muss wohl in den Genen verankert sein … (schmunzelt). Ich arbeitete schon immer sehr gerne für den Wald und im Wald. 

Wie oft sind Sie wöchentlich privat und geschäftlich im Wald unterwegs?
Beruflich etwa drei- bis viermal, privat jedes Wochenende mindestens einmal. 

Haben Sie einen Lieblingsbaum? Weshalb?
Die Eiche: Als winterkahler Baum gestattet er uns Einblick in die schön geformte Krone mit knorrigen, breit ausladenden, gegen aussen fein verzweigten Ästen. Eichen sind markante und charaktervolle Bäume, Sinnbild der Kraft und der Unbeugsamkeit.

Wie sind Sie mit dem Zustand des Schwyzer Waldes zufrieden?
Nach einer Studie des Bundes im Rahmen des zweiten Landesforstinventars im Jahr 1999 wiesen noch lediglich 11 Prozent des Steinschlag- und 42 Prozent des Lawinenschutzwaldes gleichzeitig hohe Schutzwirkung sowie hohe Stabilität auf. Auch um die Biodiversität im Wald war es schlechter bestellt als heute. Die Schwyzer Waldeigentümer haben seither zusammen mit Kanton und Bund viel in die Waldpflege investiert. Wir alle dürfen uns über den heutigen Zustand des Waldes freuen.

Wie viel wurde genau investiert?
Seitens Bund und Kanton waren es jährlich rund fünf Millionen Franken, welche als öffentliche Beiträge in die Waldpflege geflossen sind. Dies hat die Waldbesitzer bei den teilweise defizitären Holzschlägen finanziell entlastet. An dieser Stelle möchte ich allen Waldbesitzern und allen im Wald Tätigen für ihren grossartigen Einsatz herzlich danken. Für mich steht fest: Subventionen für den Wald sind eine gute Investition. 

Ist er nicht zunehmend in Gefahr durch all die Bauprojekte, die Boden und Waldflächen bedrohen?
Der Wald in der Schweiz geniesst seit 1876 einen strengen gesetzlichen Schutz. Unter anderem darf im Wald nicht gebaut werden, es sei denn, die Baute oder Anlage sei aus Sicht der Walderhaltung notwendig. Es sind vielmehr andere Einflüsse, die den Wald gefährden. 

Welche denn?
Im Vordergrund stehen dabei Insekten, Pilze, Neophyten, verschiedene Schalenwildarten sowie die Auswirkungen des Klimawandels. 

Wie wirkt sich denn der Klimawandel auf den Wald im Kanton Schwyz aus?
Der Klimawandel führt zu durchschnittlich höheren Temperaturen und zu einer anderen Verteilung der Niederschläge im Jahresverlauf. Stürme, extreme Witterungsereignisse wie Hitzeperioden und längere Trockenphasen haben sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Sie alle sind für sämtliche Pflanzen Stressfaktoren. 

Das heisst?
Wir sind daher bestrebt, im Sinne der Risikoverteilung im Wald eine möglichst hohe Baumartenvielfalt zu erreichen. Dabei werden «klimatolerantere» Baumarten wie die Eiche, Edellaubhölzer (Ahorn, Kirsche, Esche), die Weisstanne oder die Douglasie gezielt gefördert.

Kann der Schwyzer Wald seine Schutzaufgabe überall erfüllen? 
Wir können heute bilanzieren, dass alle wichtigen Schwyzer Schutzwälder in einem guten Zustand sind. Es gibt jedoch Gebiete, wo der Wald aufgrund der Standortbedingungen nicht aufwachsen kann. Hier müssen technische Massnahmen wie Steinschlagschutz- und Lawinenverbauungen erstellt werden, was pro Hektar mit einem Aufwand von bis zu einer Million Franken verbunden ist. Schutzwaldpflege ist im direkten Vergleich dazu 10- bis 20-mal günstiger. Oder anders ausgedrückt: Ein Baum, dessen Holz einen Wert von gut 80 Franken aufweist, leistet Schutz im Umfang von deutlich über 1000 Franken.

Ist der Klimawandel am Schluss das Gleiche wie das Waldsterben der 80er-Jahre? Einfach nur ein riesiger (Medien-)Hype?
Das Waldsterben stellte Anfang der 1980er-Jahre nach dem damaligen Wissensstand eine besorgniserregende Entwicklung dar. Angesichts der Schadenbilder war die Öffentlichkeit sehr beunruhigt. Das Ursachen-Wirkungsgefüge für die Schäden war noch sehr unklar. Im Nachhinein stellten sich neben der Luftverschmutzung die Trockenheit des Sommers 1983 und der folgende Borkenkäferbefall als Hauptursachen heraus. Die damals getroffenen Massnahmen zur Luftreinhaltung haben sich so oder so bewährt: für den Wald und die Natur und damit insbesondere für die Menschen.

Wo drohen dem Wald denn heute die grössten Gefahren?
Heute sind es schweizweit ganz klar die zu hohen Wildbestände – insbesondere bei den Hirschen – als kurz- bis mittelfristige und der Klimawandel als langfristige Gefährdung.
Eine neue Studie zeigt, dass auch im Schwyzer Wald dessen Potenzial noch nicht ausgenützt wird.

Was tun Sie als höchster Förster im Kanton?
Soweit es im öffentlichen Interesse liegt, fördern Bund und Kantone die Pflege und die Nutzung des Waldes mit öffentlichen Beiträgen, insbesondere in den Bereichen Schutzwald und Biodiversität. In den übrigen Gebieten setzt die Ökonomie die Grenzen der Nutzung.

Wie gross ist denn dieses zusätzliche Nutzungspotenzial?
Im Schwyzer Wald wachsen jährlich rund 1800 00 Kubikmeter Holz nach. Davon wurden im Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre rund 125000 Kubikmeter genutzt. Wegen des Holzpreiszerfalls als Folge der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 und wegen des höheren Importdrucks von Holz und Holzprodukten sank die Waldnutzung in den letzten zwei Jahren im Kanton auf jährlich 85000 Kubikmeter. Im Interesse der qualitativen Walderhaltung muss diese Nutzung in den nächsten Jahren wieder zunehmen. 

Wird der Wald dank der Energiestrategie 2050 zum Gewinner? 
Betrachtet man die heutige Biomassennutzung, so liegt diese bei 53 Petajoules (1015 Joules) und deckt damit rund sechs Prozent des Schweizer Bruttoenergieverbrauchs. Dieser Anteil kann auf rund 10 Prozent gesteigert werden, wovon das zusätzlich nutzbare Potenzial beim Hofdünger mit 24 Petajoules und beim Waldholz mit 9 Petajoules am grössten ist. Zum «grossen» Gewinner der Energiestrategie 2050 wird also weder die Land- noch die Waldwirtschaft.

Interessant ist doch, dass zwar mit Holz immer mehr gebaut wird, das Holz aber häufig aus dem Ausland importiert wird, während das Schweizer Holz liegen bleibt. Sehen Sie da Lösungen, damit auch Schweizer Holz wieder einen stärkeren Absatz hat? Sollen Preisdifferenzen vom Staat ausgeglichen werden? 
Hier gilt: Fragen Sie beim Kauf von Holz und Holzprodukten gezielt nach Schweizer Holz! Ein Zollschutz sowie staatliche Ausgleichzahlungen sind wettbewerbsverzerrend, bürokratisch und nicht zielführend. 

Braucht es ein Label für Schweizer Holz?
Nein. Die Waldgesetzgebung des Bundes und jene des Kantons setzen bereits derart hohe Standards, dass sich eine Zertifizierung erübrigt. Aber Zertifizierungen sind im Trend … und kosten viel.

Die Schwyzer (Holz-)Möbelindustrie ist unter Druck. Sie kann mit ausländischer Konkurrenz preislich nicht mithalten. Lösungsansätze?
Hier werden auch in den nächsten Jahren in erster Linie Unternehmergeist, Engagement, Innovation, technischer Fortschritt, Spezialisierung und teils auch Nischenproduktion zum Erfolg führen.

Weiterlesen?

Dieser Inhalt ist nur mit einem Digital-Abo sichtbar.

Abo

Digital ohne E-Paper

1 Monat für
CHF 19.-

monatlich kündbar

Gedruckt & Digital mit E-Paper

1 Jahr für
CHF 394.-