Biografie

Er erfand den sprechenden Bankomaten – das machte ihn verdächtig

Gegen alle Widerstände studiert Alireza Darvishy in Zürich Informatik, macht bei der Credit Suisse Karriere – und wird zum Pionier für digitale Barrierefreiheit.

Alireza Darvishy steht am Zürcher Central und möchte in der nahegelegenen UBS-Filiale Geld abheben. Für die allermeisten Menschen ist das Routine: Karte rein, Betrag auswählen, fertig. Für Darvishy ist es etwas komplizierter. Er lebt mit einer Sehbehinderung und nimmt durch ein eingeschränktes Sichtfeld nur Formen, Farben und Bewegungen wahr. Deshalb sucht er beim Bankomaten die Kopfhörerbuchse. So kann die Maschine mit ihm sprechen.

Da er die Buchse an diesem Modell nicht sofort findet, tastet er herum. Das bemerken zwei Polizisten, die sich misstrauisch nähern. Sie fragen: «Was machen Sie da?» Erst nach einem demütigenden Verhör und einer Ausweiskontrolle ziehen sie ab. Darvishy bleibt verstört zurück. «Das Verhalten der Beamten zeigte, wie wenig sie über die Lebensrealität von Menschen mit einer Beeinträchtigung wussten. So wenig, dass sie mich dafür kriminalisierten.»

Es ist nur eine von unzähligen Ungerechtigkeiten, die der heute 66-jährige Informatiker und emeritierte ZHAW-Professor in seiner Laufbahn erlebt hat. Doch das Verhör am Bankomaten hat besonders tiefe Spuren hinterlassen. Der Grund: Die Polizisten stellten Darvishy damals vor seiner eigenen Erfindung zur Rede. Er hatte nämlich die sprechenden Bankomaten 2008 bei der Credit Suisse eingeführt. Seit dem Vorfall vor einigen Jahren nutzt er sie nicht mehr. Er bezahlt nur noch digital.

Die Szene am Bankomaten erzählt seine Biografin Ann-Kathrin Amstutz im Buch «Der Code des Sehens». Darin blickt Darvishy auf eine ungewöhnliche Karriere zurück. Sein Weg führte ihn aus dem Iran in die Schweiz, zur Credit Suisse und zu einer Professur. Immer wieder stiess er mit seiner Sehbehinderung auf Widerstände oder gar Diskriminierung. Dabei liess er sich nie in die Opferrolle drängen. Er will nur selbstbestimmt seine Ziele verfolgen – wie alle anderen auch.

Zwei prägende Ereignisse

Alireza Darvishy kam 1960 im iranischen Abadan zur Welt. Er erlebte eine unbeschwerte Jugend in einem modernen Land. Dann änderte sich alles: Weil er auf ärztlichen Rat jahrelang Augentropfen mit Cortison gegen eine Pollenallergie nahm, starben viele Sehnerven ab. Spezialisten, die sein Vater danach verzweifelt aufsuchte, konnten nicht mehr viel retten. Da war Alireza Darvishy 16 Jahre alt. Ein weiterer Einschnitt kam mit der Machtübernahme der Mullahs 1979. Für Darvishy, der studieren wollte, war klar: In diesem Land gab es keine Zukunft für ihn.

Bereits früh war es sein Traum gewesen, in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Dahin schaffte er es zwar nicht. Dafür kam er 1981 in die Schweiz, die nur eine Zwischenstation sein sollte. Doch da er kein Visum zur Weiterreise bekam, blieb er in Zürich. Darvishy holte die Matura nach, studierte an der Universität Zürich Informatik – und schlug sich durch bis zum Doktorat. Dabei konnte er immer auf Hilfe zählen: Studienkollegen sprachen ihm beispielsweise ganze Bücher an Code-Zeilen fürs Informatik-Studium auf Kassetten.

Nach dem Doktorat begann Darvishy bei der Credit Suisse, im «Bankendschungel», wie er es nennt. Er blickt mit gemischten Gefühlen darauf zurück. Einerseits konnte er dort ein barrierefreies Online-Banking, den Bankauszug in Braille-Schrift oder eben 2008 die sprechenden Geldautomaten vorantreiben. Andererseits stellte er fest, dass die Bank nur solange Interesse zeigte, wie man diese Innovationen als «Marketinginstrument» nutzen konnte.

Als die Bank sparen musste, kippte sie die Projekte wieder. Deshalb begann Darvishy gleichzeitig an der ZHAW zu digitaler Barrierefreiheit zu forschen, wo er später auch eine Professur erlangte. Dort lancierte er etwa ein Werkzeug, das PDFs so konvertierte, dass sie für Menschen mit Sehbehinderung korrekt vorgelesen werden können. Darvishy hatte seine Berufung gefunden.

Ein feines Sensorium für Menschen

Alireza Darvishys Biografie eröffnet Einblicke in eine Lebenswelt, die für Sehende normalerweise im Dunkeln bleibt. Das ist ein Gewinn, weil es Verständnis schafft und zum Nachdenken anregt.

Ein Beispiel: Viele Sehende sind sich nicht bewusst, wie viel Menschen wie Alireza Darvishy von ihrem Umfeld mitbekommen. Dementsprechend erlebt er oft, dass ihn seine Gesprächspartner unterschätzen. Darvishy merkt beispielsweise am Tonfall, ob ihm jemand wirklich zuhört. Oder er sieht durch seine kleine verbleibende Sehkraft, ob sich jemand von ihm abwendet oder gar an ihm vorbeiredet. Er hat seine Sinne dafür geschärft, um sich ein Bild des Gegenübers zu machen. Und sein feines Sensorium täusche ihn selten, sagt er.

Für die Sehenden bedeutet das: Sie sollten Menschen mit Beeinträchtigung ernst nehmen und sie nicht wie Unzurechnungsfähige behandeln. Gleichzeitig ist Mitleid fehl am Platz, wie das Buch mehrfach deutlich macht. Hier liegt ein weiterer Verdienst der Biografie: Sie richtet den Fokus auf die beeindruckenden Überlebensstrategien und Hilfsmittel, die Alireza Darvishy auf seinem Weg entwickelt hat.

Diese Fähigkeiten gehen in der öffentlichen Debatte um Inklusion vielfach vergessen. Oft tauchen Beeinträchtigte nur als hilfsbedürftige Opfer auf. Natürlich brauchen sie Unterstützung. Aber sie haben auch etwas zu bieten. Durch ihre Erfahrung haben sie einen eigenen Blick auf die Welt entwickelt, von dem die ganze Gesellschaft profitieren kann. Für Darvishy zeigt sich das exemplarisch an barrierefreien Lösungen. So waren einst die Kino-Untertitel nur für Gehörlose gedacht. Heute nutzen sie Millionen von Menschen, mit Beeinträchtigung oder ohne.

Am Ende des Buches stellt Darvishy eine Frage, die sich aus seiner Biografie aufdrängt: Warum brauchte es einen Mann aus dem Iran, um hierzulande Hürden bei PDFs, an Bankomaten oder an Hochschulen abzubauen? Seine Antwort: Wen die Gesellschaft als «doppelt behindert» wahrnimmt – also als Iraner und als Sehbehinderten –, entwickle eine eigene Mischung aus iranischer Hartnäckigkeit und Schweizer Präzision. Diese habe ihm geholfen, weiterzumachen, wo andere aufgegeben hätten.

Alireza Darvishy, Der Code des Sehens. Erzählt von Ann-Kathrin Amstutz, vdf Hochschulverlag 2026, 36 Franken. Transparenzhinweis: Ann-Kathrin Amstutz war Wirtschaftsredaktorin bei CH Media.

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