
Sie bemalte einen Metallkürbis mit Punkten, und Sammler weltweit zahlten dafür zweistellige Millionenbeträge. Sie liess Menschen sich in Spiegelsälen verlieren und wiederfinden. Sie liess Besucherinnen und Besucher weltweit Schlange stehen vor ihren Ausstellungen: Yayoi Kusama galt als eine der aufsehenerregendsten zeitgenössischen Künstlerinnen - und das schien noch das Unauffälligste an ihr.
Kusama, Revolutionsrotes Haar, eine Greisin mit staunenden Kinderaugen, war ein Popstar der Kunst. Eine Dramaqueen der Selbstinszenierung. Eine, die den Kürbis zum Fetisch erhoben hat. In Japan gilt der Kürbis als Symbol für Leben und Glück – und für Schutz vor dem Bösen.
Wahnwelt und Empowerment
Die alte Dame, die den Kunstmarkt an ihren halluzinogenen Punkten, den «Polka Dots», irre machte, war eine Ausnahmeerscheinung. Aus persönlichem Leiden schuf sie etwas, das mehr war als das, was sich in Geld ummünzen lässt. Das einzigartige Faszinosum Kusama war ein menschenverbindendes Phänomen.

Letzten Herbst in der Fondation Riehen zeigte sich, was die Kunstwelt mit dem Tod der eigenwilligen Künstlerin verloren hat. Über 300 000 Besucherinnen und Besucher, ein Rekord für das Museum, pilgerten in ihre Ausstellung. Jeder wollte das sagenumwobene Werk sehen, das als Höhepunkt des Kunstjahres 2025 schon lange zuvor von sich reden gemacht hatte.
Als es schliesslich Mitte Oktober so weit war, schien das Museum längst kein Museum mehr zu sein. In Riehen stand der Planet Kusama. Mit Punkten, Spiegeln und raumfüllenden riesigen phallischen Tentakeln inszenierte die Künstlerin ihre ganz persönliche Welt. Und diese Welt war das Produkt ihrer Ängste und Wahnvorstellungen.
Kunst war ein Überlebensmittel
Geprägt von einer traumatischen Kindheit im Zweiten Weltkrieg und Gewalterfahrungen, war Kusama besetzt von dunklen Gedanken und psychischer Not. Farben, Papier, Stoffe - später waren es die Punkte – halfen ihr am Leben zu bleiben.
Doch in Riehen zeigte sich das Wundersame. In den Kusama-Sälen trat dem Besucher nicht das Gefühl schierer Panik entgegen, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Kusamas Not war in den Werken schliesslich allgegenwärtig! Doch nicht so, wie von ihr erlebt. Die Künstlerin fand für ihre Erlebnisse eine Überformung. Aus Not wurde Liebe und Zugewandtheit für das, was Leben heisst.
In Kusamas Universum der Punkte fühlte sich jeder Besucher, jede Besucherin als Punkt, gleichwertig, verbunden und vereint. In einem magischen Akt der Gestaltung schuf Kusama ein heilsames Miteinander und mentales Empowerment.
Hauptzentrale Psychiatrische Klinik
Yayoi Kusama liess sich vor einigen Jahrzehnten freiwillig in die psychiatrische Klinik in Tokyo einweisen. Sie malte von dort aus, betrieb von dort aus ihr eigenes Museum und die Stiftung, die ihre Ausstellungen und Kunstwerke in die wichtigsten Kunstmuseen der Welt implementierte. Denn Geschäftsfrau, das war sie auch.
Und ganz nebenbei viel mehr: Dichterin und Romanautorin, Malerin und Bildhauerin, Friedensaktivistin und Modedesignerin mit eigenem Label. Europa verstand wohl nie wirklich, wie revolutionär die Erscheinung der aufsässigen Künstlerin für das konservative und tiefreligiös geprägte Japan selbst war. Und auch ihre Fixierung auf das symbolschwere japanische Kultobjekt Kürbis.

Dass die junge Kusama ihre künstlerische Befreiung und Inspiration in New York fand, schien unumgänglich: Kusamas Durchbruch begann in den 1960er Jahren als Teil der New Yorker-Avantgarde, sie entwickelte dort ihre Arbeit immer weiter. Auch Andy Warhol zählte zu ihren grossen Bewunderern.
Eine Legende der Kunstgeschichte besagt, dass die Idee, sich selbst als Marke zu verkaufen, von Andy Warhol stammt. Mindestens so glaubwürdig ist es aber, dass Warhol den Marketing-Trick von der Kollegin aus Japan abkupferte. Ein Statement von dieser gibt es dazu allerdings nicht.
Ruhe im Tod und Nachruhm ewig
Bei einer Retrospektive im Berliner Gropius-Bau 2021 übermittelte eine Sprecherin die Botschaft der Künstlerin: «Durch die Zeit zu rasen bis zum Tod und dann ewig weiterzuleben in schöner Liebe für den Ruhm der Menschheit: Das ist das höchste Ziel meiner Kunst.»
Yayoi Kusama hat ihr Ziel erreicht. Sie hat Menschen beglückt, den Ruhm des Lebens vermehrt und mehrere Generationen von Künstlerinnen und Künstlern beeinflusst und ermutigt, ihren Weg zu gehen. Wie das nach ihr benannte Museum in Tokyo mitteilt, ist sie am 14. August im Alter von 97 Jahren verstorben. Sie hat es sich gewünscht und es ist eingetreten: In ihrer aussergewöhnlichen Lebensleistung lebt sie ewig weiter.
