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Wildwuchs im Aargauer Schweizermacher-Gärtlein

Je nach dem in welcher Gemeinde ein Ausländer wohnt, wird ihm die Einbürgerung relativ leicht gemacht oder ist eine harte Knacknuss. Das zeigen die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade derTests aus fünf Aargauer Gemeinden.
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Bild: Aargauer Zeitung

Rosmarie Mehlin

Bereits 31 Jährchen sind ins schöne Schweizerland gezogen, seit die Nation sich in den Kinosälen vor Vergnügen kugelte über Walo Lüönd und Emil Steinberger. Die Fragen rund um Helvetia und ihre - unsere - Gepflogenheiten, die sich der Deutsche, der Italiener und die Jugoslawin von den beiden Fremdenpolizisten gefallen lassen mussten, hatten ganz schön viele Haken und Ösen. Der Film ist Geschichte, die Schweizermacher sind es nicht. Um Schweizerin oder Schweizer zu werden ist eine gehörige Portion Köpfchen erforderlich.

Aus Broschüren, von Merkblättern, aus dem Internet oder in Volkshochschulkursen kann jedermann sich zwar ein breites staatsbürgerliches Wissen aneignen, doch gibt es bei den effektiven Tests für Einbürgerungswillige markante Unterschiede zwischen den Gemeinden. Die Fragebögen aus fünf Aargauer Gemeinden, machen das klar ersichtlich ist. In Möhlin können die Antworten nach dem Multiple Choice-Verfahren angekreuzt werden, was die Sache bedeutend leichter macht, als wenn völlig eigenständig formuliert werden müssen, wie etwa in Unterkulm.

In Muri überwachen je ein Mitglied der Einbürgerungskommission und des Gemeinderates zunächst den schriftlichen Test und führen anschliessend mit jedem Kandidaten ein halbstündiges Gespräch und in Spreitenbach werden die Kandidaten von je einem Mitglied des Gemeinderates und der Geschäftsprüfungskommission nur mündlich getestet.

Gewaltenteilung - na und?

Ob schriftlich oder mündlich - einige der Fragen aus Geschichts-, Staats- und Heimatkunde dürften wohl auch gar so manchen in der Wolle gefärbten Eidgenossen ganz schön ins Schwitzen bringen. Das könnte der Fall sein, wenn man «den Begriff Referendum erklären» oder «aktives und passives Wahlrecht» unterscheiden muss, wie in Unterkulm. Auch in Spreitenbach gilt es, tief Luft zu holen um Fragen wie «Was waren 1515 die Folgen der Schlacht bei Marignano» oder «Aus welchen Jahren stammen die drei Bundesverfassungen?» zu beantworten.

Und, wie war das noch mit der Gewaltenteilung? Legislative, Exekutive und. . . ? Ach ja, Judikative. Und wo, bitte, liegt letztere auf der Gemeindeebene? Etwas leichter dürften es den Einbürgerungswilligen aus Spreitenbach eventuell die Antworten fallen darauf, was der typische Schweizer ist und isst, was seine typischen Musikinstrumente und Sportarten sind. Wem beispielsweise spontan «Jodeln» einfällt, heimst glatt einen von vier möglichen Punkten ein.

Knifflige Fragen zur Gemeinde

«Wann wurde die Schweiz gegründet und durch wen?» oder «Nennen Sie drei Pflichten eines Schweizer Bürgers» müssen Kandidaten in Untersiggenthal beantworten. Hier werden auch besonders knifflige Fragen bezüglich der Gemeinde gestellt. Damit ist weniger jene nach «zwei traditionellen Anlässen, die regelmässig in der Gemeinde stattfinden» gemeint, als «Zählen sie 5 Kommissionen von Untersiggenthal auf, die durch den Gemeinderat gewählt werden» oder «Was bedeutet das Wappen von Untersiggenthal?»

In Muri ist neben ebenfalls fundiertem Wissen rund um die Gemeinde - «Nennen Sie zwei Gemeinden, die an die Gemeinde Muri grenzen» oder «Wo befindet sich in Muri eine Apotheke?» auch künstlerisches Flair vonnöten, gilt es doch, im Verlaufe des Tests die Schweizer Flagge und das Wappen von Muri zu zeichnen.

Von Matterhorn bis Initiative

In Möhlin hat man bei der Frage nach unserem Nationalhelden die Wahl zwischen «Wilhelm Tell», «Roger Federer» oder «Doris Leuthard». Zu derselben Frage stehen in Muri sogar vier mögliche Antworten zur Auswahl, die da lauten: «Peach Weber», «Wilhelm Tell», Hermann Gessler» und «Napoleon».

Wer in Muri allenfalls die Frage «Was ist das Matterhorn» mit «eine Backware» beantwortet, dürfte bei der Prüfungskommission wenig Punkte bunkern. Zu recht, denn so etwas ist für einen senkrechten Schweizer doch genauso sonnenklar, wie das Datum unseres Nationalfeiertags. Aber Hand aufs Herz: Können Sie die Anzahl Sterne im Aargauer Wappen einfach so nennen, ohne nach der flatternden Fahne in Nachbars Garten zu schielen?

Und - erklären Sie bitte, woher der Name Aargau kommt und wann der Kanton gegründet wurde. Verraten Sie, welche Wahlverfahren es gibt, wann die Schweiz der Uno beigetreten ist, warum wir auf Bundesebene zwei Räte für die Legislative haben und was eine Initiative ist. Alles klar? Ja: Schweizer sein ist nicht schwer, Schweizer werden dagegen sehr.