Weltwirtschaftsforum

Klaus Schwab ist zurück im Kreis des WEF – neue Details zu seinem Sturz

Ein Machtkampf kostete den Gründer des Weltwirtschaftsforums sein Amt. Nun arbeitet er sich zurück. Wie er innerhalb von nur 33 Stunden gestürzt wurde, dokumentiert ein neues Buch.

Klaus Schwab ist diese Woche erstmals wieder in einem offiziellen WEF-Kontext aufgetreten. Weit weg von Davos – in Peking. Anderthalb Jahre nach seinem Knall-auf-Fall-Rücktritt tauschte er sich in der chinesischen Hauptstadt mit Nachwuchsführungskräften aus: den «Young Global Leaders» und «Global Shapers». Diese WEF-Organisationen hatte Schwab einst gegründet, um Talente zu fördern und das Forum zu verjüngen.

Auf LinkedIn veröffentlichte Schwab ein Foto mit den Führungskräften vor dem WEF-Logo. Weitere Fotos zeigen ihn bei einem Treffen mit «Führungskräften aus Unternehmen und Institutionen», wie er schreibt.

Fast scheint es, als wäre Schwab nie weg gewesen. Dabei fehlte er beim WEF‑Jahrestreffen im Januar 2026 erstmals seit der Gründung des Forums 1971. Über Ostern 2025 war es zum Bruch gekommen. Schwab verliess das WEF mit sofortiger Wirkung. Es folgten öffentliche Auseinandersetzungen und weitere Abgänge, von Interimspräsident Peter Brabeck und später auch von CEO Børge Brende.

Wird Schwab im Januar 2027 wieder in Davos sein? Nach Informationen der «Schweiz am Wochenende» wird darüber diskutiert.

Die Comeback-Signale kommen wenige Tage vor der Veröffentlichung eines Buches, geschrieben von «Bilanz»-Chefredaktor Dirk Schütz. «Das WEF-Komplott» erscheint am 5. November und liegt dieser Zeitung bereits vor. Anhand bislang unbekannter interner Dokumente und E-Mails rekonstruiert Schütz die Affäre, die weltweit Schlagzeilen machte.

Es ist Mittwoch, der 16. April 2025, 5.05 Uhr. In den Postfächern der 23 WEF-Stiftungsräte trifft ein anonymes E-Mail ein. Der Betreff: «Versagen der Unternehmensführung und Machtmissbrauch beim WEF». Eine angebliche Gruppe aktueller und ehemaliger Mitarbeiter erhebt elf schwere Vorwürfe gegen Klaus Schwab und seine Frau Hilde.

Die neunseitige Nachricht enthält Anschuldigungen über missbräuchliche Spesen, private Vorteile und den Umgang mit Mitarbeitern. Vieles ist nicht neu. Bereits 2024 hatte das «Wall Street Journal» über eine angeblich toxische Arbeitskultur berichtet. Zwei Anwaltskanzleien untersuchten die Vorwürfe. Im März 2025 teilte der damalige WEF-Vizepräsident Peter Brabeck dem Stiftungsrat mit, die Untersuchung habe keine Rechtsverstösse festgestellt.

Doch das neue Schreiben beinhaltet erstaunliches Insiderwissen. Es nimmt Bezug auf Aussagen aus dem vertraulichen ersten Untersuchungsbericht, der laut Schütz nur einem kleinen Kreis zugänglich war. Der Buchautor vermutet die Informanten im Innersten der WEF-Führung.

Eine entscheidende Rolle spielt Thomas Buberl. Der Chef des Versicherungskonzerns Axa leitet beim WEF das Audit- und Risikokomitee und hatte bereits die erste Untersuchung verantwortet. Am 17. April um 13.56 Uhr verschickt er ein E-Mail an die Stiftungsräte. Seit Eingang des anonymen Schreibens sind keine 33 Stunden vergangen.

Buberl teilt mit, der Ausschuss habe einstimmig beschlossen, eine neue unabhängige Untersuchung einzuleiten. Beauftragt werde erneut die Zürcher Kanzlei Homburger. Der Entscheid fällt blitzschnell, ohne Schwab vorher anzuhören.

Lagarde sollte Schwabs Nachfolgerin werden

Warum diese Eile? Weshalb eine neue Untersuchung, obwohl die erste Schwab in wesentlichen Punkten entlastet hatte? Schütz stellte Buberl und den übrigen Ausschussmitgliedern 15 Fragen. Antworten erhielt er nicht.

Brisant ist der Zeitpunkt der anonymen Attacke. Nur zwei Tage zuvor, am 14. April, hatte Schwab in Frankfurt Christine Lagarde getroffen, die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB). Laut Schütz verständigten sich die beiden darauf, dass Lagarde 2027 das WEF-Präsidium übernehmen sollte.

Am 15. April informierte Schwab seine engsten Mitstreiter: Brabeck, Buberl und den damaligen WEF-Chef Børge Brende. Am nächsten Morgen traf das anonyme Schreiben ein. Kann dieser zeitliche Zusammenhang, den eigene Informationen der «Schweiz am Wochenende» bestätigen, Zufall sein? Wohl kaum. Lagarde, die vermeintliche Schwab-Gefolgsfrau, sollte abgesägt werden.

Just diesen Donnerstag kündigte ebendiese Lagarde an, im Februar 2027 vorzeitig als EZB-Präsidentin zurückzutreten. Damit wäre sie für eine neue Aufgabe verfügbar. Französische Medien interpretieren ihren Rücktritt jedoch politisch: Ihr Abgang ermöglicht es, die EZB-Nachfolge noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 zu regeln – und damit vor einer möglichen Wahl der Rechtsaussenpolitikerin Marine Le Pen.

Ein Ultimatum über Ostern

Zurück in den April 2025. Am Karfreitag eskaliert der Konflikt. Schwab schreibt Buberl, er sei zutiefst schockiert über dessen Vorgehen. Er kündigt eine Strafanzeige gegen die anonymen Anschuldiger an und verlangt den Rückzug von Buberls Mitteilung. Schwab stellt eine explosive Frage: War Buberl möglicherweise schon vor Eingang des anonymen Schreibens über dessen Inhalt informiert? Buberl weist die Unterstellung empört zurück.

Auch Brabeck, einst Schwabs Freund, erhöht den Druck. Er verlangt eine ausserordentliche Sitzung am Ostersonntag und droht mit Rücktritt. Der amerikanische Finanzinvestor David Rubenstein empfiehlt Schwab nun, seinen ohnehin geplanten Rückzug vorzuziehen, um «weiteren Schaden» vom WEF abzuwenden. Das Argument verfängt: Schwab glaubt, mit seinem Rücktritt verhindern zu können, dass die anonymen Vorwürfe an die Öffentlichkeit gelangen. Ein Fehlschluss.

Am Karsamstag um 22.08 Uhr verschickt Schwab seine Rücktrittserklärung an die Stiftungsräte. Brabeck übernimmt interimistisch die Führung. Und greift durch. Schwab wird vom WEF abgeschnitten. Nicht einmal sein Büro auf dem WEF-Gelände in Cologny GE, unmittelbar neben seinem Privathaus, darf er mehr betreten. Selbst seinen Mantel, der noch dort hängt, darf er nicht holen, wie Schütz schreibt.

Fünf Millionen Franken für Untersuchungen

Die zweite Untersuchung dauert Monate. Über 100'000 E-Mails und 65'000 Dokumente werden gesichtet, Dutzende Personen befragt. Mehr als 5 Millionen Franken kosten die beiden Untersuchungen zusammen, wie Schütz errechnet hat. Bezahlt wird aus den Mitteln des WEF.

Im August 2025 teilt das WEF mit, es gebe keine Hinweise auf schwerwiegendes Fehlverhalten von Klaus Schwab. Auch seine Frau Hilde wird entlastet. Festgestellt werden Unregelmässigkeiten bei der Abgrenzung privater und geschäftlicher Ausgaben. Laut Buch geht es insbesondere um rund 35'000 Franken an umstrittenen Reisespesen. Fünf Millionen Franken Untersuchungskosten und am Ende ein Spesenstreit um 35'000 Franken – für Schütz ein Zeichen der Unverhältnismässigkeit.

Es rollt ein weiterer Kopf. Brabeck tritt zurück. Larry Fink (73) und André Hoffmann (68) übernehmen als Co-Vorsitzende. Voraussichtlich werden sie auch beim nächsten Jahrestreffen das Zepter führen, darüber hinaus aber kaum. Christine Lagarde (70) hat seit dieser Woche wieder reale Chancen auf die Nachfolge. Doch auch ein Überraschungskandidat ist möglich. Hinter den Kulissen fällt zudem der Name Philipp Hildebrand (63). Seine Biografie würde passen: ehemaliger Nationalbankpräsident, Vizepräsident bei Blackrock, «neutraler» Schweizer.

Der WEF-Krimi, den Schütz rekonstruiert, ist noch nicht zu Ende. Was nach der Oster-Eskalation kaum denkbar schien, könnte doch noch geschehen: Dass die Nachfolge beim WEF im Sinne von Klaus Schwab ausgeht.

Dirk Schütz: «Das WEF-Komplott. Der Fall der Organisation, die die Welt verbessern wollte». Beobachter-Edition, 2026. Erscheinungsdatum: 5. November.

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