In der Schweiz gerät diesen Sommer eine Gewissheit ins Wanken: Wasser war bisher jederzeit zur Genüge verfügbar. In der aktuellen Dürre wird es zum knappen Gut – und es zeigt sich, wie schlecht das Land darauf vorbereitet ist. Hier die Übersicht mit allen wichtigen Fragen und Antworten:
Wem gehört das Wasser in der Schweiz?
Grundsätzlich sind Gewässer öffentlich, gehören also uns allen. Die gesetzliche Lage ist so: Die Kantone haben die Hoheit über die Nutzung des Wassers, sagt Christos Bräunle vom Fachverband für Wasser, Gas und Wärme SVGW. Oberirdische Seen, Flüsse und Bäche sind öffentliche Gewässer. Dasselbe gilt für mächtige Grundwasservorkommen oder -becken.
Bei kleineren Gewässern gibt es auch Privateigentum. Grundwasservorkommen können als privates Gewässer eingestuft werden, wenn sie sich nur auf wenige Grundstücke ausdehnen und für die Wasserversorgung einer Gegend vernachlässigbar sind. Die Entscheidung im Einzelfall liegt beim Kanton.
Dasselbe gilt für Quellen. Sie gehören üblicherweise dem Besitzer des Grundstücks, auf dem sie entspringen. Je nach dem, wie viel Wasser eine Quelle führt, kann der Kanton sie aber zum öffentlichen Gewässer erklären.
Wer entscheidet, wer Wasser beziehen darf?
Die Kantone regeln, unter wie das Wasser genutzt wird, sagt Christos Bräunle. Sie vergeben Konzessionen und Bewilligungen, wer etwa einen Grundwasserstrom nutzen und wie viel davon für die Trinkwasserproduktion oder die Landwirtschaft verwendet werden darf.
Zumindest gilt das grundsätzlich. Den Kantonen ist es erlaubt, die Bewilligungspraxis den Gemeinden zu überlassen. Zudem unterscheidet sich die Gesetzgebung von Kanton zu Kanton.
Wer ist zuständig für die Wasserversorgung?
Das Trinkwasser der Schweiz stammt zu 80 Prozent aus Grundwasser und Quellen und zu 20 Prozent aus Seen und Flüssen. Wenn die Kantone die Ressource Wasser verwalten, dann sind es in der Regel die Gemeinden, die sie verteilen. Und die dafür sorgen, dass wir jederzeit sauberes Trinkwasser aus dem Hahnen lassen können. Sie stellen die Versorgung und die Wasserqualität sicher.
Gemeinden können diese Aufgabe an nicht-profitorientierte Unternehmen delegieren, sagt Bräunle. Es gibt rund 2500 Versorgungsbetriebe in der Schweiz. Die meisten davon gehören der öffentlichen Hand. Finanziert wird die Wasserversorgung - von Personal bis Investitionen in die Infrastruktur - über den Wasserpreis. Er liegt in der Schweiz im Schnitt bei 2,30 Franken pro tausend Liter. Im letzten Jahr haben die Gemeinden 1,7 Milliarden Franken in das Wassernetz investiert. Übrigens: Das Trinkwassernetz der Schweiz ist 97'000 Kilometer lang. Das entspricht zweieinhalbmal dem Erdumfang.
Wer behält den Überblick, wie viel Wasser verbraucht wird und wozu?
Niemand so richtig. Dass der Bund keine Daten zum allgemeinen Wasserverbrauch in der Schweiz erfasst, ist einer der wichtigsten Kritikpunkte von Fachleuten, die eine nationale Wasserstrategie fordern. Die Logik: Um eine begrenzte Ressource zu bewirtschaften und sinnvoll zu verteilen, braucht es eine verlässliche Datengrundlage.
Nationale Zahlen gibt es also keine. Die Kantone und Gemeinden führen, wenn überhaupt, uneinheitliche Statistiken.
Wie viel Wasser für die Trinkwassergewinnung genutzt wird, ist allerdings bekannt, sagt Christos Bräunle. Der Fachverband für Wasser, Gas und Wärme befragt järhlich hunderte Versorgungsbetriebe, wie viel Trinkwasser sie abgeben, und stellt eine repräsentative Hochrechnung an. Es sind über 915 Millionen Kubikmeter Trinkwasser, also etwas weniger als das Volumen des Bielersees.
Wenn Wasser knapp ist: Wer hat Vorrang?
Bei Dürre wie in diesem Sommer stellt sich die Frage: Wem wird das Wasser zuerst abgestellt, wenn die Versorgung an ihre Grenzen stösst? Dafür gibt es keine landesweite Regelung oder verbindliche «Rangliste», wonach zum Beispiel Haushalte klar Vorrang hätten vor der Industrie. Die Kantone entscheiden gemäss ihrer Gesetzgebung und wägen die Interessen im Einzelfall ab.
Das Bundesamt für Umwelt Bafu empfiehlt den Kantonen, sich bei der Ausgestaltung der Gesetze zu überlegen, welche Nutzungen im Ausnahmefall als erstes eingeschränkt werden sollten. Als Beispiele führt es Schwimmbäder oder Gartenbewässerung an.
Haben die Kantone eigene Wasserstrategien?
Nicht alle. Zehn Kantone haben Stand Dezember 2025 keine übergeordnete Wasserstrategie. Das geht aus einem Bericht des Bundesamts für Umwelt (Bafu) hervor. Lediglich zwei Kantone haben eine aktuelle Strategie, bei den übrigen wird sie aktualisiert oder ist in Planung.
Das bedeutet allerdings nicht, dass einige Kantone keinen Plan haben, wie sie mit dem Wasser umgehen. Die meisten verfügen beispielsweise über regionale und kantonale Wasserversorgungsplanungen. Es gibt aber keine einheitliche Handhabe.
Was passiert, wenn ein koordiniertes Krisenmanagement fehlt, zeigt sich aktuell etwa im Kanton Bern. Dort stehen Landwirte vor verdorrter Ernte, weil sie das Leitungswasser nicht mehr anzapfen dürfen, wie SRF berichtet. Das sorgt für Unmut, weil andere gleichzeitig ihre Autos damit waschen dürfen. Der Kanton arbeitet deshalb an der «Wasserstrategie 2040», um künftig besser vorausschauend planen zu können.
Unter einer Wasserstrategie versteht der Bund ein ganzheitliches Konzept, das alle Belange des Wassers abdeckt und Versorgungs- und Ressourcenplanung beinhaltet.
Der Bund arbeitet an einer nationalen Wasserstrategie. Worum geht es da?
Das Ziel der Wassermanagement-Strategie des Bundes ist es, besser mit Trockenperioden und Starkniederschlägen umzugehen, die Wasserversorgung langfristig zu sichern und die Wasserlebensräume zu stärken, schreibt das Bundesamt für Umwelt Bafu auf Anfrage. Weiter gehe es darum, Nutzungskonflikte frühzeitig zu erkennen und die Ressource Wasser langfristig nachhaltig zu bewirtschaften.
«Es laufen Arbeiten auf zahlreichen Ebenen», schreibt das Bafu. Beispielsweise werde geklärt, welche Daten zur Wassernutzung von wem erhoben werden müssen und zu welchem Zweck. Der Bund bindet relevante Akteure wie die Kantone oder die Trinkwasser- und Energieversorger mit ein.
Der Bundesrat wird voraussichtlich Ende 2027 über die Wasserstrategie entscheiden.
Forschende forderten schon vor zwölf Jahren eine nationale Wasserstrategie. Warum?
«Wenn wir mit den Ressourcen vernünftig umgehen, gibt es auch in Zukunft genügend Wasser», sagte der Hydrologe Manfred Stähli 2014 an einer Medienkonferenz. Er hatte in einem vier Jahre dauernden Forschungsprogramm im Auftrag des Bundes mitgewirkt. Im Schlussbericht forderten die Forschenden schon damals eine nationale Wasserstrategie.
Sie hielten fest, dass es zwar wenig Sinn mache, der föderalen Schweiz ein flächendeckendes Wassermanagement aufzupflanzen. Es fehle aber an übergeordneten Leitlinien. Die Gemeinden, Kantone und der Bund sprächen sich zu wenig ab. Darum: Es brauche effizientere, einheitliche Strukturen und Anreize zur Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren.
Was ist seither passiert?
Heute ist Hydrologe Stähli zufrieden mit der Entwicklung der letzten Jahre. «Es ist viel Arbeit im Hintergrund gelaufen, von der Gesellschaft unbemerkt», sagt er. «Das macht ja auch Sinn: Für das ‹Wasserschloss Schweiz› war Wasser eine Selbstverständlichkeit. Nun, da es knapp wird, beginnen sich Medien und Bevölkerung dafür zu interessieren.»
Nach 2014 habe das Bundesamt für Umwelt Bafu verschiedene Klimaszenarien erforschen lassen. Zudem hat es in Zusammenarbeit mit Meteo Schweiz und der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft die Trockenheitsplattform entwickelt. Als Frühwarnsystem war sie im aktuellen Dürre-Sommer zentral.
«Man bemüht sich eindeutig für mehr gesamtschweizerische Zusammenarbeit», sagt Stähli weiter. Seit 2014 gebe es mehr Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren. Eine gelungene Wasserstrategie würde für ihn in erster Linie amtliche Zahlen dazu beinhalten, wann es wo wie viel Wasser gibt und wozu es gebraucht wird. Für eine optimale Verteilung sei es wichtig, dass es zwischen Sektoren wie Wasserkraft, Naturschutz, Landwirtschaft und Trinkwasser einen guten Kompromiss gibt.






