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Warum Macron seinen Jungbürgern Gratis-Kondome schenkt

Präsident Emmanuel Macron macht die Präservative für Jugendliche gratis. Der Anstieg von Sexualkrankheiten unter Teenagern ist nicht der einzige Grund.

Ab kommendem Jahr sind Präservative für Jugendliche in Frankreich gratis.
Bild: Getty Images

Paris verschenkt Pariser: Man könnte schmunzelnd aufnehmen, was Emmanuel Macron am Donnerstag eine «kleine Verhütungs-Revolution» genannt hat: Gemäss seiner Ankündigung können Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren ab 1. Januar in den französischen Apotheken unentgeltlich und rezeptfrei Kondome beziehen. Die Massnahme, die den Staat nach ersten Schätzungen 21 Millionen Euro kosten dürfte, ist dem Staatschef aber auch politisch wichtig. An einer Jugendtagung rechtfertigte er sie mit der Aussage, die sexuelle Gesundheit sei ein «echtes Thema». Die Benützung des Präservativs stagniere, der Anteil von Geschlechtskrankheiten nehme dagegen gerade unter Jugendlichen zu. Deshalb plädierte Macron auch für die Impfung Jugendlicher gegen das HPV (Papillomvirus), das Geschlechtskrankheiten überträgt.

Frankreich debattiert seit langem darüber, wie weit sich der Staat um die bessere Verhütung gerade seiner jüngeren Bürgerinnen und Bürger kümmern soll. Seit 2018 werden ärztlich verschriebene Präservative durch die Sozialversicherung vergütet. Vor einem Jahr erstattet die Regierung von Präsident Macron bereits die Anti-Baby-Pille sowie andere Verhütungsmittel wie Spiralen für Teenager und junge Frauen. Seit September können Unter-25-Jährige die «Pille danach» kostenlos beziehen.

Auch für 16-Jährige?

Die Fachwelt begrüsst den unangekündigten Entscheid Macrons. Laut dem Arzt Pascal Pugliese, Mitglied des nationalen Aids-Rates, ist der Anteil von Sexualkrankheiten vor allem unter Jugendlichen im Zunehmen begriffen. Einzelne können oder wollen sich oft nicht einmal den Preis von durchschnittlich einem Euro pro Kondom leisten. Pugliese ist deshalb dafür, dass auch 16- und 17-Jährige Gratispräservative erhalten sollen.

Der Zeitpunkt von Macrons Ankündigung dürfte auch mit der weltweit neu aufkommenden Abtreibungsdebatte zu tun haben. In Frankreich sind alle – auch konservative – Rechtsparteien dafür, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in die Verfassung einzuschreiben. Damit wollen sie Vorstössen französischer Abtreibungsgegner zuvorkommen. Die Annahme liegt nahe, dass Macron mit den Gratis-Präservativen nicht nur den Sexualkrankheiten vorbeugen, sondern auch die Zahl unerwünschter Schwangerschaften verhindern will.

Welt-Aids-Tag vor einer Woche auf der Place de la République in Paris.
Bild: Keystone

In den sozialen Medien gibt es vereinzelt Kritik an der Kondom-Abgabe. Macron wird vorgehalten, er übersehe seit Beginn der Covidkrise systematisch die desolate Lage der Staatsfinanzen. Vereinzelt liest man in den sozialen Medien auch die Warnung, dass junge Leute die gratis bezogenen Präservative über Internet wieder verkaufen könnten. Die Mehrheit der Jugendlichen meinte allerdings, die Abgabe von Kondomen in Apotheken sei so wichtig wie die Rückerstattung der «Pille».

In der Schweiz wurden seit 2017 verschiedene Vorstösse für die kostenlose Abgabe von Präservativen eingereicht. Der Bundesrat erachtete eine solche Massnahme für «unnötig», da die Schweiz eine relativ hohe, in den letzten Jahren sogar leicht steigende Verhütungsquote von 80 Prozent aufweise. Auch der Kondomgebrauch durch Männer jeglichen Alters sei von 23,8 Prozent (2002) auf 27,5 Prozent (2012) gestiegen. Die SP argumentierte dagegen, die Zahl von 10 000 Schwangerschaftsabbrüchen sei immer noch zu hoch.

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