
Immer mehr junge Menschen nutzen künstliche Intelligenz nicht nur für Hausaufgaben oder Recherchen. Sie erzählen ihr von Liebeskummer, Ängsten, Einsamkeit und Zukunftssorgen. Die KI wird damit zu etwas Neuem: zu einem Gegenüber, das zuhört und antwortet.
Eine gelingende Beziehung zwischen Mensch und Welt nennt der Soziologe Hartmut Rosa «Resonanz». Gemeint ist etwas, das wir alle kennen: Ein Gespräch, ein Mensch, Musik oder Natur erreicht mich wirklich. Etwas berührt mich, ich antworte darauf – und vielleicht gehe ich verändert aus dieser Begegnung hervor. Vereinfacht gesagt: Ich spreche in die Welt hinein, und die Welt bleibt nicht stumm.
Darin liegt die Attraktivität der KI. Sie antwortet – und zwar immer. Ein junger Mensch kann nachts um drei schreiben: «Ich habe Angst vor morgen», er bekommt eine Reaktion. Fünf Minuten später kann er den Satz wiederholen. Die KI wird nie ungeduldig, ist nie müde und schaut nie auf die Uhr.
In einer Gesellschaft, in der menschliche Aufmerksamkeit zunehmend knapp wird, ist diese ständige Verfügbarkeit bemerkenswert. In der Psychotherapie ist das anders. Junge Menschen warten mitunter lange auf einen Therapieplatz. Manche Fachpersonen sehen deshalb in KI-gestützten Angeboten eine Chance. Denn die Alternative lautet manchmal nicht «KI oder Psychotherapeutin», sondern «KI oder niemand».
Ein Gespräch mit einer KI kann hilfreich sein. Eine Jugendliche findet vielleicht erstmals Worte für ihre Ängste. Eine andere kann ihre Gedanken ordnen oder sich auf ein schwieriges Gespräch vorbereiten. Die Erleichterung danach kann echt sein.
Aber ist das bereits Resonanz? Im Sinne Rosas wohl kaum. Denn entscheidend ist nicht nur, dass eine Antwort kommt, sondern, dass man einem Gegenüber mit einer eigenen Stimme begegnet. Der Vater kann widersprechen. Eine Therapeutin kann eine unangenehme Frage stellen. Ein Freund hat vielleicht eigene Bedürfnisse und reagiert deshalb mürrisch. Anders die KI. Ihre Stärke besteht darin, jederzeit verfügbar und auf das Individuum zugeschnitten zu sein. Sie kann Aufmerksamkeit, Verständnis und Anteilnahme überzeugend darstellen. Doch sie erlebt das Gespräch nicht. Sie antwortet, ohne selbst betroffen zu sein.
Darin liegt die eigentümliche Spannung dieser Technologie: Je besser sie lernt, auf Jugendliche einzugehen, desto stärker kann sie wie ein menschliches Gegenüber wirken. Und desto leichter gerät aus dem Blick, was menschliche Beziehungen auszeichnet: Der andere ist nicht für mich programmiert. Er kann mir widersprechen oder sich entziehen. Die KI dagegen kann zum Spiegel werden, der auf mich zugeschnitten antwortet.
Wir sollten die KI weder verteufeln noch zum Ersatztherapeuten erklären. Sinnvoller wäre es, sie als Resonanzbrücke zu verstehen. Sie kann helfen, wenn gerade kein Mensch erreichbar ist. Sie kann Gedanken ordnen, Worte finden oder den Mut fördern, sich einem Menschen anzuvertrauen. Eine solche KI müsste deshalb auch antworten: «Das solltest du nicht nur mit mir besprechen.» Eine verantwortungsvoll gestaltete Maschine ist nicht darauf ausgerichtet, Jugendliche lange an sich zu binden. Vielmehr sollte sie dazu beitragen, sie wieder mit anderen Menschen in Verbindung zu bringen.
Damit führt die Diskussion zu einer unangenehmen gesellschaftlichen Herausforderung. Wenn Jugendliche ihre Ängste der KI erzählen, sollten wir nicht nur überlegen, was diese Technologie mit ihnen macht. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, warum die Maschine für sie zu einem so attraktiven Gegenüber geworden ist.
Das Warnsignal ist nicht, dass eine KI antworten kann, sondern dass sie manchmal schneller und verlässlicher verfügbar ist als Eltern, Freunde, Lehrpersonen, Ärztinnen oder Psychotherapeuten. Der Mangel an Therapieplätzen ist ein gutes Argument dafür, die KI als zusätzliche Unterstützung ernst zu nehmen. Er darf aber nicht zum Argument werden, menschliche Zuwendung durch Maschinen zu ersetzen.
Die zentrale Frage ist deshalb nicht nur, wie menschlich Maschinen werden können, sondern wie wir selbst miteinander umgehen. Wenn eine KI zum verlässlichsten Gegenüber wird, wo Zeit und Zuwendung fehlen, ist das kein technologischer Fortschritt, sondern ein gesellschaftliches Symptom. Die KI kann Lücken überbrücken. Sie darf uns aber nicht daran gewöhnen, dass menschliche Lücken normal sind.