Wahlen

Serbien-Schweizer: Acht Stunden Schlange stehen – und am Ende eine Ohrfeige für Vučić

Fast 88 Prozent der Serben in der Schweiz haben die oppositionelle Studentenliste gewählt. Vučićs Partei erleidet damit eine historische Niederlage. Auch die stark gestiegene Zahl der Stimmen zeigt, wie gross der Wunsch nach einem Wechsel ist.

Nach 14 Jahren als starker Mann in der serbischen Politik hat Aleksandar Vučić am Sonntag seine Niederlage eingeräumt. Auch in der Schweiz fiel das Votum gegen ihn deutlich aus: 87,8 Prozent der gültigen Stimmen gingen an die oppositionelle Studentenliste, Vučićs Partei SNS kam auf lediglich 10,4 Prozent. Wie gross der Wunsch nach einem Wechsel war, zeigte sich auch an der starken Mobilisierung: Mit 3502 gültigen Stimmen wurden fast zweieinhalbmal so viele abgegeben wie 2023 (1419).

Lag Vučićs Partei 2023 mit 39,4 Prozent nur knapp hinter dem breiten, proeuropäischen Oppositionsbündnis «Serbien gegen Gewalt» (42,8 Prozent), musste sie sich diesmal der neu angetretenen Studentenliste deutlich geschlagen geben. Der SNS-Stimmenanteil schrumpfte gegenüber 2023 um knapp drei Viertel.

Auch im Vergleich mit Serbien ist das Schweizer Resultat deutlich: In Serbien kam die Studentenliste auf rund 53 Prozent, Vučićs SNS auf knapp 40 Prozent. Die Schweiz ist unter den Auslandsserben allerdings kein Einzelfall. In Irland erreichte die Studentenliste gut 97 Prozent, in Norwegen und den Niederlanden rund 96 Prozent, in Schweden mehr als 92 Prozent.

Vorwürfe wegen erschwerter Stimmabgabe

In einer Mitteilung am Dienstag bezeichnete die serbische Botschaft in Bern den Wahlverlauf als «Sieg für die Demokratie». Die friedlich erfolgte Machtübernahme sei «ein inspirierendes Beispiel demokratischer Reife»; das Land habe bewiesen, «fest zur europäischen Familie demokratischer Nationen» zu gehören.

Umso bedauerlicher sind laut Botschaft «die unbegründeten Vorwürfe», wonach Auslandsvertretungen versucht hätten, die Stimmabgabe zu verhindern. Bereits im Vorfeld der Wahl gab es gemäss dem «Tages-Anzeiger» Vorwürfe, die serbischen Behörden erschwerten der Diaspora die Stimmabgabe.

Nach Angaben von Oppositionsanhängern hatten sich in der Schweiz mehr als 7000 Personen angemeldet, zugelassen worden seien nur etwas mehr als 4000. Zudem gab es diesmal nur zwei Wahllokale in Zürich und Bern statt vier: Genf und Lugano fielen weg.

Die serbische Botschaft wies die Vorwürfe zurück. Sie erklärte, rund 4500 Personen seien registriert worden; Ablehnungen seien auf unvollständige oder fehlerhafte Anträge zurückzuführen.

Gegenüber SRF bezeichnete Botschafter Ivan Trifunović die Berichte, wonach Auslandsserben trotz fristgerechter Anmeldung nicht ins Wählerverzeichnis aufgenommen worden seien, als «Fake News».

Am Wahltag sorgten vor allem die langen Wartezeiten in Zürich für Aufsehen. Vor dem Generalkonsulat war die Schlange zeitweise rund einen halben Kilometer lang. SRF berichtete von Wartezeiten von bis zu acht Stunden. Die letzten Stimmen wurden erst nach Mitternacht abgegeben.

Mehr zum Thema: