Die Entscheidung, dass Flávio Bolsonaro Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei in Brasilien wird, traf nicht Flávio Bolsonaro. Sie traf sein Vater Jair, der ultrarechte Ex-Präsident (2019 bis 2022). Spätestens als dem Senior im September vergangenen Jahres klar wurde, dass ihn die Haftstrafe von 27 Jahren für seinen Putschversuch an der Kandidatur hindern würde, entschied er sich für Plan B.
Im Dezember verkündete Jair Bolsonaro dann die Kandidatur seines ältesten Sohnes für die wichtige Präsidentenwahl am 4. Oktober und düpierte damit seine Ehefrau Michelle, die auch Ambitionen hatte, sowie andere Politiker aus dem weit rechten und konservativen Lager.
Bis zu seiner Nominierung war der 45-jährige Flávio, den der Vater nur «Nummer 01» nennt, eher ein Politiker der zweiten Reihe. Bereits mit 21 Jahren wurde er jüngster Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Rio de Janeiro, seit 2019 ist er Senator. Auch in diesen Funktionen verfolgte er die Lieblingsthemen der Familie: Kampf gegen Kriminalität, harte Hand des Staates und Waffenfreiheit.
Und auch Skandale begleiteten Bolsonaro junior schon früh. So soll er als Parlamentarier in seinen Büros Scheinverträge für angebliche Mitarbeiter abgeschlossen haben, um die Gehälter einzustreichen. Er soll Gelder über seinen Schokoladenladen in Rio de Janeiro gewaschen und später in der Stadt rund zwanzig Wohnungen gekauft und in bar bezahlt haben. Zudem hatte er Kontakt zu rechtsextremen Milizen in Rio. Als Abgeordneter zeichnete er ein des Mordes verdächtigtes Mitglied in der Haft mit einer Medaille aus.
Die Familie verharmlost die Militärdiktatur
Für die Familie Bolsonaro sind Politik und Präsidentenamt eine Lebensaufgabe, deren Ziel vor allem darin besteht, die Demokratie im grössten und wichtigsten Land Lateinamerikas zu schleifen, alle Linke zu dämonisieren, soziale Errungenschaften und den Umweltschutz abzuschaffen oder zumindest zurückzufahren. Und auch den persönlichen Reichtum zu mehren. Und nun soll der älteste Sohn an vorderster Front diese Mission weiterführen.
Wie die anderen zwei Söhne durchlief Flávio eine militärisch strenge Ausbildung. Er liebt markige Sprüche wie sein Vater. Und bis heute beschreibt auch Flávio die brasilianische Militärdiktatur (1964 bis 1985) verharmlosend als den «Übergang zur Demokratie». Er hetzt gegen Schwule und die Abtreibung und verteidigt die Todesstrafe.
Innerhalb weniger Monate entwickelte sich Flávios Kandidatur zur stärksten im rechten Lager. Mittlerweile haben eigentlich nur noch er und Amtsinhaber Lula da Silva für das linke Lager Chancen auf das Präsidentenamt. Beide liegen in den Umfragen nahezu gleichauf.
Für Lula, die Ikone der lateinamerikanischen Linken, wäre es das vierte Mal, dass er das höchste Staatsamt ausübt. Aber er wird zwei Tage nach der wahrscheinlichen Stichwahl am 25. Oktober 81 Jahre alt. Insgesamt treten zehn Männer und zwei Frauen bei der ersten Wahlrunde am Sonntag an. Dabei geht das Spektrum von weit links bis nach weit rechts.
Mega-Gefängnisse und «Narco-Terroristen»
Flávio Bolsonaro, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, gab sich lange als der gemässigte in der Familie mit teils radikalen Ansichten. Aber seit er Kandidat ist, nähert er sich auch inhaltlich den Positionen seines Vaters an. So stellt auch er das elektronische Wahlsystem in Frage, will innen- und sicherheitspolitisch alle kriminellen Gruppen zu «Narco-Terroristen» erklären, Mega-Gefängnisse bauen und die Strafmündigkeit herabsenken. Haushaltspolitisch setzt er auf einen strengen Sparkurs, den Abbau von Bürokratie und das Streichen von Ministerien.
Radikal ändern würde sich unter einem neuen Bolsonaro im Präsidentenpalast auch die Aussenpolitik des geopolitischen Schwergewichts. Lula suchte immer gute Kontakte in alle Richtungen und strebte eine Politik der «aktiven Blockfreiheit» an – Handel mit allen, Bindung an niemanden.
Unter einer ultrarechten Regierung wäre mit einer stärkeren Anbindung an die USA und einem weitgehenden Bruch mit China zu rechnen. Aber das asiatische Land ist nicht nur der wichtigste Aussenhandelspartner Brasiliens, sondern baut mittlerweile auch strategische Infrastruktur wie Häfen, Satelliten oder Strom- und Mobilfunknetze.
So ähnlich wie der Sohn dem Vater auch sein mag, das Charisma hat der Junior nicht geerbt. Bei der Eröffnung des Wahlkampfes am 25. Juli machten sich die Wählerinnen und Wähler ein Bild davon, dass Flávio wenig rhetorisches Talent hat. Seine Reden wirken hölzern, die Posen einstudiert. Aber für den harten Kern der rechten Wählerschaft spielt das keine Rolle. Für sie ist entscheidend, dass er die gleichen Positionen vertritt wie der Vater.
Dieser tauchte beim Wahlkampfauftakt als KI-generierter Avatar auf einer Leinwand auf, da ihm das Oberste Gericht STF die Nutzung der sozialen Netzwerke untersagt hat. Als digitale Kopie mit echter Stimme wetterte der 71-jährige Jair Bolsonaro lautstark gegen seine Haftstrafe, die er im Hausarrest verbüsst. Und dann kam der entscheidende pathetische Satz im Bolsonaro-Style: «Vertraut dem Blut von meinem Blute. Flávio ist die Zukunft.»



