Venezuela

Verzweiflung nach dem Erdbeben: Menschen graben mit blossen Händen nach Überlebenden

Die offiziellen Opferzahlen bleiben vorerst vergleichsweise niedrig. Doch die US-Erdbebenwarte warnt vor einem weitaus schlimmeren Szenario. Besonders die Küstenregion La Guaira ist von der Aussenwelt abgeschnitten.
Fassungslos: Diese Frau in Caracas kann nicht begreifen, was mit ihrem Haus passiert ist.
Bild: Ronald Pena/EPA

Als der neue Tag in Caracas erwachte, zeichnete sich erst das ganze Ausmass der Katastrophe ab. Am Mittwochabend Lokalzeit hatten zwei schwere Erdbeben Venezuela erschüttert. In mehreren Stadtteilen der Hauptstadt waren Gebäude eingestürzt, zahlreiche weitere schwerbeschädigt worden. Menschen kampierten anschliessend auf Strassen und Plätzen, lagen auf Matratzen oder sassen fassungslos vor ihren Häusern. Überall suchten Rettungsteams, Feuerwehrleute, Polizisten und Anwohner teils mit blossen Händen nach Überlebenden.

Über der Millionenstadt lag am Donnerstagmorgen eine gespenstische Ruhe. Es gab kaum Verkehr, nachdem die Regierung das öffentliche Leben weitgehend suspendiert hatte. Dennoch scheint Caracas von der ganz grossen Katastrophe verschont geblieben zu sein. Im Grossraum leben rund sieben Millionen Menschen. Präsidentin Delcy Rodríguez sprach im Morgengrauen von 164 Toten und rund 900 Verletzten.

Am schlimmsten betroffen ist der Bundesstaat La Guaira, der an Caracas grenzt und in dem sich auch der internationale Flughafen Maiquetía sowie der wichtigste Hafen des Landes befinden. Dort seien mehrere Dutzend Häuser eingestürzt, sagte Rodríguez. Auch ein Hotel liege in Trümmern.

Der staatliche venezolanische Sender VTV zeigte Aufnahmen von drei mit Staub bedeckten Kindern, die lebend aus Trümmern in La Guaira geborgen wurden. Dutzende lagen vor einer Klinik in La Guaira im Freien auf dem Boden oder in Krankenhausbetten und wurden behandelt. Fotografen der Agentur AP machten Bilder von Einwohnern, die durch völlig verwüstete Strassenzüge gingen. Wie viele Menschen dort noch unter den Trümmern liegen, dürften erst die kommenden Tage zeigen.

Gesicherte Informationen aus der Region fehlten jedoch vorerst, weil Autobahnen und Strassen beschädigt wurden. Strom- und Internetverbindungen funktionierten nur eingeschränkt. Zahlreiche Angehörige berichteten, dass sie ihre Verwandten nicht erreichen konnten. La Guaira wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Hauptstadt verwandelt sich in riesiges Freiluftlager

«Wie soll man so weiterleben? Das ist wie in einem Film – so etwas habe ich noch nie erlebt», sagte eine Frau im besonders stark betroffenen Stadtteil Palos Grandes. Hunderte Menschen verbrachten dort die Nacht auf Strassen, Plätzen oder in ihren Autos. Die Angst vor Nachbeben war gross, immer wieder bebte die Erde. Menschen irrten mit Taschen, Koffern, Hunden, Katzen und Vogelkäfigen durch die Strassen, auf der Suche nach einer Unterkunft. Viele legten sich notgedrungen auf die Trottoirs. Noch in der Nacht hatte sich Caracas in ein riesiges Freiluftlager verwandelt.

Die beiden Erdstösse ereigneten sich am Mittwochabend um 18.04 Uhr und 18.05 Uhr Ortszeit. Sie erreichten nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS die Stärken 7,2 und 7,5. Es war das stärkste Erdbeben in Venezuela seit mehr als hundert Jahren. Fensterscheiben barsten, Hochhäuser schwankten und Dutzende Gebäude stürzten ein.

Der Mittwoch war ein gesetzlicher Feiertag zur Unabhängigkeit Venezuelas. Deshalb hielten sich besonders viele Menschen in ihren Wohnungen und Häusern auf, als die Erde zu beben begann. Viele verfolgten gerade die WM-Partie zwischen Brasilien und Schottland im Fernsehen.

Verzweifelte Angehörige suchten anschliessend in sozialen Netzwerken nach Vermissten und veröffentlichten Namen, Fotos und Adressen. Die Zentraluniversität von Venezuela stellte Listen mit vermissten Studierenden online. Viele von ihnen sollen aus La Guaira stammen.

Die Präsidentin meldet sich erst Stunden später

Lange herrschte Unsicherheit über das Ausmass der Katastrophe. Die Präsidentin wandte sich erst mehr als sechs Stunden nach den Erdbeben in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung. Viele Menschen fühlten sich von der Regierung im Stich gelassen. In einer Nacht mit eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten waren es vor allem Bürgermeister, Rettungskräfte und Journalisten, die sich ein Bild der Lage verschafften. Das Netzwerk X ist in Venezuela seit August 2024 gesperrt und nur über VPN-Dienste zugänglich. Zudem zählt das Land zu den Staaten mit den langsamsten mobilen Internetverbindungen weltweit.

Die USGS stufte beide Erdbeben mit einem «roten Alarm» ein. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit bei 44 Prozent, dass die Zahl der Todesopfer 10'000 übersteigen könnte. Wegen der vielerorts schlechten Bausubstanz wurden besonders in Caracas schwere Schäden befürchtet. Das Epizentrum lag nordwestlich der Gemeinde Montalbán im Bundesstaat Carabobo, rund 160 Kilometer westlich von Caracas. Die Erschütterungen waren im ganzen Land sowie bis nach Bogotá in Kolumbien zu spüren. Dutzende Nachbeben lösten danach auf den Strassen immer wieder Panik aus.

Schlimme Erinnerungen werden wach

In der kollektiven Erinnerung der Venezolaner ist das Erdbeben von 1967 fest verankert. Damals kamen rund 200 Menschen ums Leben, etwa 2000 wurden verletzt. Noch verheerender war ein Beben im Jahr 1812, bei dem nach Schätzungen rund 30'000 Menschen starben. Venezuela liegt in einer seismisch aktiven Zone, in der die Karibische und die Südamerikanische Platte aufeinandertreffen.

Der internationale Flughafen Maiquetía wurde durch die Erdbeben schwerbeschädigt. Teile des Dachs des Hauptterminals stürzten ein. Der Flughafen wurde geschlossen, sämtliche Flüge annulliert.

US-Präsident Donald Trump sicherte schnelle Hilfe zu. Er habe alle Behörden angewiesen, sich darauf vorzubereiten, schnell zu helfen, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. «Wir werden für unsere neuen und grossartigen Freunde da sein», schrieb er - wohl mit Blick auf die Übergangsregierung in Caracas. Aussenminister Marco Rubio erklärte, die Regierung bringe sofort Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitäre und medizinische Hilfe auf den Weg.

Auch Brasilien, Mexiko, El Salvador und die Dominikanische Republik boten Unterstützung an, ebenso die Schweiz und zahlreiche europäische Länder. Viele Hilfsorganisationen sagten finanzielle Soforthilfen zu.

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